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„Pfui der Schande!“ wiederholte die Mutter mit Nachdruck. „Nur der Bräutigam darf die Braut küſſen!“
„Ach,“ liſpelte es da leiſe über die Lippen der ſchönen Sün⸗ derin,„das will er ja werden, und mir iſt's auch recht!“ Die Mutter hatte Mühe, das urkräftige Lachen zu verbeißen, das ſich ihrer Geſichtsmuskeln bemeiſtern wollte bei dieſer Her⸗ zensäußerung, an deren Wahrheit ſie keine Sekunde zu zweifeln Urſache hatte.
„Glaub's gern,“ ſagte ſie, nachdem ſie Herr über dieſen mäch⸗ tigen Reiz geworden war,„glaub's gern; aber da haben zufällig Vater und Mutter mitzureden, und die ſind anderer Meinung, als ihr Kind, das nicht weiß, was Zucht und Sitte heiſcht. Da kannſt du dir doch an den fünf Fingern abzählen, daß dein Vater eine ſo ungleiche Heirath nicht zugibt. Ein Bettelbub und das reichſte Mädchen— nein, für einen ſolchen Kindskopf hätt' ich dich nicht mehr gehalten. Geh' an deine Arbeit! Für ſo dumm ſah ich dich doch nicht an! Geh'; aber hüte dich vor jedem Schritt ähnlicher Art! Meide auch den böſen Schein, heißt es in der Bibel. Du begreifſt das nicht und man follte meinen, du wärſt heute auf die
Welt gekommen. Seh' ich dich noch einmal bei dem Hubert, ſo
geht's nicht gut.“
„Ach Mutter, Mutter! verzeiht Euerm Kinde,“ ſchluchzte das arme Mädchen, und ſchlang ihre vollen weißen Arme um der Mut⸗ ter Hals.
Da wurde es um das Mutterherz ſo eigenthümlich und in den Augenwinkeln ſo feucht. Sie drückte das Mädchen an ſich und ſagte ſanft:„Siehſt du, das geht nicht mehr! Du biſt kein Kind mehr. Neunzehn Jahre, das will ſchon was ſagen.“
Annchen.
paßt nicht für einander.“ „So wollt' ich, ich wäre arm, wie er!“ rief Annchen. „Proſt die Mahlzeit!“ ſagte die Mutter.„Ich nicht. Sẽl nur
„Aber warum haßt Ihr ihn denn ſo, er iſt ja ſo brav!“ fagte
„Hab nichts dagegen, Kind,“ verſetzte die Mutter;„aber ihr 3


