„ Eine Nacht. 275
Ah! das iſt merkwürdig. Haben wir noch weit
bis dahin?
Höchſtens noch eine Viertelſtunde— wir müſſen gleich den Giebel des Hauſes erblicken. Fahren Sie denn zu dem Amtmann?
Ja, ein wichtiges Geſchäft führt mich zu ihm. Wie iſt der Mann beſchaffen?
Ich zuckte die Achſeln.
Er ſoll ein Menſchenfeind, ein verdrießlicher alter Kauz ſein, wenig umgänglich. Nun, Sie wollen nicht ſchlecht von ihm reden; Sie leben unter ſeinem Dache—
Offen geſagt, Herr Baron, ich bin mit ihm zer⸗ fallen und hatte eben ſein Haus verlaſſen, als wir uns ſo wunderbar begegneten. Mein Urtheil würde daher leicht parteiiſch ausfallen.
Die Geſinnung eines Ehrenmannes!— Gut denn, ſchweigen wir von dem Amtmann. Aber das können Sie mir beantworten: lebt in dem Hauſe eine junge Dame, ein Fräulein von Halden?
Ich bejahte in der lebhafteſten Bewegung; die Frage hatte mich zu ſehr überraſcht. In welcher Be⸗ ziehung ſtand der Baron zu dem Fräulein?— Dieſer bemerkte meine Bewegung und fixirte mich ſcharf.
Weiß die Dame bereits den Tod ihres braven Vaters? fragte er zögernd.
Ja, ſchon ſeit längerer Zeit. Wenn Sie wüßten, wie ſie ihn betrauert!
Fühlt ſie ſich übrigens in dem Hauſe des Amt⸗ manns glücklich?
Ich glaube— oder ich weiß vielmehr— nein!
Ich bin feſt entſchloſſen, ſie um jeden Preis aus jenem
Hauſe zu befreien.
Hoho! Mit welchem Recht? Mit dem Rechte der Humanität— der Nächſten⸗ liebe. Sie müſſen mich dabei unterſtützen! Klären Sie mich auf! Ich bin dazu bereit. Doch zuvor, Herr Ba⸗ 18*


