Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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Baron gerührt, und es dedurfte nur eines Wortes von Ihnen, um Sie zu retten und mich zu verderben. Ach! ich kann es Ihnen nie vergelten! Ich war in Ver⸗ zweiflung, Ihren Aufenthalt nicht zu wiſſen alle meine Erkundigungen waren umſonſt und nun find' ich Sie mitten auf der Landſtraße und muß das Un⸗ geſchick meines Kutſchers ſegnen, ohne das Sie unbe⸗ merkt an mir vorbei gerollt wären.

Ich fragte den Baron nach ſeinen Schickſalen in der Zeit, daß wir uns nicht geſehen. Er hatte unter Kutuſow den Krieg in Rußland mitgefochten, war dann unter die Fahnen ſeines Königs geeilt, um auf deut⸗ ſchem Boden gegen den. alten Feind zu kämpfen. Bei Leipzig hatte er ein Bein verloren, ein Mißgeſchick, das er nur beklagte, weil es ſeinem Kriegerleben ein Ende machte. Nun, ſprach er am Ende ſeiner Erzäh⸗ lung, es ſollte ſo ſein. Auch ohne mich werden unſre Truͤppen in Paris einziehen und die preußiſche Fahne auf Montmartre pflanzen ich wäre freilich gerne bis zu Ende dahei geblieben.

Sie haben Ihr Wort gehalten, ſprach ich bewegt, und ich ſchätze mich glücklich, durch eine gütige Fügung des Himmels ohne mein Verdienſt dazu beigetragen zu haben, einen ſolchen Mann dem Vaterlande zu erhalten. Ich ſelbſt dagegen bin leider weder als Feldprediger, wie Sie damals ſcherzten, noch als Mitſtreiter bei dem großen Erlöſungskampfe thätig geweſen; indeſſen

Machen Sie ſich darüber keine Sorge, verſetzte der Baron, mich unterbrechend; Jeder in ſeinem Be⸗ ruf! Wir haben Soldaten genug, und ich zweifle nicht, daß der Krieg in wenigen Monaten beendigt ſein wird, Napoleon's Mittel ſind erſchöpft, unſre Armeen ſind ihm um das Sechsfache überlegen.

Und wo lebten Sie ſeit Ihrer Entlaſſung aus dem Gefängniß? fragte er nach einer Pauſe.

Hier in der Gegend, verſetzte ich, beim Amtmann O in der beſcheidenen Stellung eines Hauslehrers.