Eine Nacht. 273
einander vorbeizufahren, als der Herr mit dem Schnurr⸗ bart ein donnerndes Halt! rief. Dann ſich aus dem Wagen lehnend und mich ſcharf fixirend, rief er mit freudiger Stimme: Aber ſind Sie es denn auch? Sehe ich recht? Candidat Friedmann?
Mein Gott ja, rief ich überraſcht, der bin ich.
Da ſprang der fremde Mann trotz ſeines Stelz⸗ fußes, den ich jetzt bemerkte, mit einem Satz aus dem Wagen; ich folgte höflich ſeinem Beiſpiel; aber meine Frage erſtickte an der breiten Bruſt des Fremden, welcher mich in ſeine gewaltigen Arme ſchloß und heftig an ſein Herz drückte.
Kennen Sie mich denn nicht mehr? rief er, mich endlich aus ſeiner Umarmung entlaſſend, Sie, mein Retter, mein Märtyrer! O ich weiß ja Alles!
Jetzt erkannt' ich den Baron; mein Auge wurde feucht, mein Herz ſtand ſtill, ich fühlte meine Füße unter mir wankend. Eine Ahnung ſagte mir, daß nun„ Alles gut werde.
Ich hätte mich auf die Knie werfen und beten mögen.
Auch dem Baron traten die Thränen in die Augen. Er faßte meine Hände und zog mich nach ſeinem Wa⸗ gen: Steigen Sie ein— ſo bald trennen wir uns nicht mehr!
Mechaniſch folgte ich ſeiner Aufforderung.
Dieſes plötzliche Glück in dem Augenblick, wo ich an Allem verzweifelte, hatte mich übermannt.
Aber ſoll ich denn den Herrn nicht weiter fahren? fragte der Kutſcher des Amtmanns verlegen.
Fahre wohin du willſt, mein Sohn, ſagte der Frei⸗ herr, aber dein Herr bleibt in meinem Wagen. Georg, rief er ſeinem Kutſcher zu, nimm den Koffer des Herrn auf den Bock!
Der Kutſcher des Barons gehorchte; der des Amt⸗ manns wandte um und fuhr dem Gute zu; der Wagen des Barons folgte in derſelben Richtung.
Ja, Sie haben viel für mich gelitten, ſagte der
Novellenſchatz. Bd. XXII. 18


