Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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Eine Nacht. 269

ſie ſich von meinem Zuſtand verſprechen durften, als das Beſte bei der ganzen Affaire.

Die Tage meiner allmählichen Geneſung gehörten zu den ſchönſten meines Lebens; ich verweile gern dabei, wenn ich mich zuweilen für die Plagen des Alters aus dem Born der Erinnerung erquicke Anna von Hal⸗ den ließ es ſich nicht nehmen, täglich der Vorſchrift des Chirurgus gemäß den Verband meines Arms zu er⸗ neuen, obgleich der Amtmann mehr als einmal ärger⸗ lich ſagte, dergleichen Dienſte würden ſich beſſer für die Mamſell ſchicken. Kein Verbot ihres Onkels verhin⸗ derte ſie, den größten Theil des Tages mir Geſellſchaft zu leiſten; wir laſen zuſammen und kauſchten Gedanken; wir waren im Geiſte bald verlobt und verſprochen, vereint auf Lebenszeit, ohne es einander je geſagt oder die Ringe gewechſelt zu haben. Mein Herz war eher geheilt, als mein Arm, ich ſah der Zukunft ruhig ent⸗ gegen. Der Amtmann ſchien von dieſem inneren Vor⸗ gang etwas zu ahnen; jedenfalls erſchienen ihm unſre Geſpräche über Klopſtock's Oden nicht mehr ſo harm⸗ los, als ehedem. Er faßte ſeinen Entſchluß und axran⸗ girte meine Entfernung mit einer diplomatiſchen Zart⸗ heit, welcher ich noch heute meine Anerkennung zol⸗ len muß.

Ich war völlig wieder hergeſtellt im December, wenn ich nicht irre, als Herr O. ſeine Nichte zu einer Schlittenfahrt einlud. Beim Wegfahren nickte er mir freundlich zu. Als der Schlitten in der Ferne ent⸗ ſchwunden und ich fröſtelnd auf mein Zimmer zurück⸗ gekehrt war, trat der Verwalter ein und überreichte mir ſchweigend mit feierlicher Miene eine verſiegelte Geldrolle nebſt einem Brief.

Was ſoll das? fragt' ich verwundert.

Vom Herrn Amtmann, erwiderte der Verwalter lakoniſch. Ich öffnete das Schreiben und las; es lautete ungefähr alſo:

So ſehr ich Urſache habe, mit Ihrem auf die Er⸗