Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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Ernſt Andolt.

nungen auf ein noch ſo beſcheidenes Amt ſich realiſiren würden? Verzweifelte Lage!

Nach langem Kampfe entſchloß ich mich, die mir gemachte Mittheilung treu zu bewahren, dem Amtmann aber ſelbſt bei einer paſſenden Gelegenheit frei und furchtlos das Verwerfliche ſeines Beginnens vorzuhal⸗ ten. Im äußerſten Falle würd' ich meine Entlaſſung nehmen und den Schutz der Gerichte anrufen, um das Fräulein ſeiner Gewalt zu entziehen. Zu dieſem letzten Mittet hatte ich freilich ſelbſt wenig Vertrauen, und nur die feſte Ueberzeugung, daß Anna von Halden nie den Anträgen ihres Oheims Gehör geben würde, hielt mich in dieſer ſchrecklichen Lage von übereilten Schrit⸗ ten zurück.

Wie bitter empfand ich damals das Gefühl meiner Abhängigkeit. Wie ängſtlich ſucht' ich nach einem Aus⸗ weg, der mir eine anſtändige Selbſtändigkeit gewähren konnte! Ich ſchrieb an meinen Gönner, den Pro⸗ feſſor H., ob er mir nicht eine noch ſo geringe Lehr⸗ ſtelle an einer öffentlichen Anſtalt verſchaffen könnte. Bevor ich jedoch ſeine Antwort erhielt, traten große Veränderungen ein..

Von den Erfolgen der Verbündeten waren nur vage Gerüchte an uns gelangt. Da kam plötzlich im Oktober die große Kunde von der Schlacht bei Leipzig und von dem fluchtartigen Rückzug des franzöſiſchen Heeres. Meine alten Gefühle erwachten, und ich be⸗ ſchloß in einer Stunde heiliger Begeiſterung, mich als Freiwilliger der erſten deutſchen Truppenſchaar anzu⸗ ſchließen, welche unſre Gegend betreten würde.

Ich theilte vor der Hand Niemandem mein Vorha⸗ ben mit. Ich leugne nicht, daß mir dieſer Entſchluß ſchwer geworden; entſagt' ich doch damit vor der Hand all jenen idylliſchen Träumen, die mich noch vor weni⸗ gen Wochen ſo entzückt hatten! mußt' ich doch zwei mir unendlich theure Perſonen in der hülfloſeſten Lage zurücklaſſen vielleicht um ſie nie wieder zu ſehen!