Eme Nacht. 263
Aber ſind Sie ſo gewiß, daß das Fräulein mit Ihren Gefühlen übereinſtimmt?
Ich habe ihr in Rückſicht auf ihre Trauer, die Anſtands halber noch einige Monate dauern muß, meine Intentionen noch nicht ausgeſprochen. Es kann indeß jeden Tag geſchehen, und ich bin überzeugt, daß das liebe Kind bei einer Reflexion über ſeine Verhältniſſe und Ausſichten ſich glücklich ſchätzen wird, einen Mann zu bekommen.
Es zuckte mir in den Fingern, und ich hatte meine ganze Selbſtbeherrſchung nöthig, ſehr unchriſtliche Reg⸗ ungen, welche ich gegen den Amtmann fühlte, äußerlich wenigſtens zu unterdrücken. Dieſer ahnte offenbar von meiner Stimmung nicht das Mindeſte und ſagte ruhig:
Da Sie nun, mein lieber Herr Friedmann, in meine Abſichten eingeweiht ſind, werden Sie die Schick⸗ lichkeit berückſichtigen und eine zu große Vertraulichkeit mit Fräulein von Halden zu vermeiden ſuchen. Ich glaube gern, daß Sie nichts weiter dabei denken, wenn Sie mit ihr unter einem Eichenbaume für Klopſtock's Oden ſchwärmen— indeſſen, es iſt doch angemeſſener, wenn das von jetzt an unterbleibt.
Mit dieſen Worten verließ er mich und ging aus dem Garten. Ich ſtand wie betäubt; mein erſter Ge⸗ danke war, nach dem Borkenhauſe zu eilen und mich dem Fräulein zu entdecken. Durft' ich länger zögern, ſie über die Gefühle ihres Oheims zu enttänſchen?— Durſt' ich ſie länger über meine Gefühle im Zweifel laſſen?— Aber wie? ſollt' ich auf der andern Seite das mir geſchenkte Vertrauen verletzen? ein fremdes Geheimniß verrathen? Sollt' ich die kaum verharſchten Wunden in ihrer Seele wieder aufreißen, indem ich ihr Abſichten enthüllte, die ſie verletzen, erſchrecken, die ihr den Aufenthalt unter dem Dache ihres einzigen Ver⸗ wandten verleiden mußten?— Und was konnt' ich ihr bieten?— Ein ärmliches Aſyl im Hauſe meiner Mut⸗ ter, bis— wer konnte ſagen, wann?— meine Hoff⸗


