260 Ernſt Andolt.
als einmal im Begriff war, das Haus zu verlaſſen. Nur mit Fräulein von Halden machte er eine Aus⸗ nahme, gegen ſie hatte er nur ſelten ein rauhes Wort, dem dann auch immer bald ein verſöhnendes folgte.
Er ſuchte ihr den Aufenthalt auf dem Gute ſo angenehm als möglich zu machen, und ihre Gegenwart ſchien ſeine ſchlimmſten Launen zu verſcheuchen, wenigſtens unterdrückte er die Ausbrüche derſelben. Dieſer Zug verſöhnte mich faſt mit ſeinen übrigen Fehlern.
Das Unglück wenigſtens, dacht' ich, iſt dem ſonſt⸗ ſo ſelbſtſüchtigen Manne heilig; er ehrt den Schmerz der Waiſe. Bielleicht auch, daß er nicht unempfänglich für ihre Vorzüge, ihren Seelenadel iſt, daß er wenigſtens an Andern die ſittliche Schönheit empfindet, welche ihm ſelbſt fehlt. Wie hatt' ich mich getäuſcht!
Ich bemerkte häufig, daß es dem Amtmann unan⸗ genehm war, wenn ich mich mit ſeiner Nichte lebhaft unterhielt, beſonders wenn das Geſpräch religiöſe oder literariſche Gegenſtände betraf; er ſuchte uns darin auf alle mögliche Weiſe zu ſtören. Es mißfiel ihm, daß wir geiſtige Berührungspunkte hatten, welche ihm fremd waren. Noch ärgerlicher war es ihm, wenn wir gele⸗ gentlich im Garten oder auf einem Spaziergang uns abſonderten Die„Mamſell,“ welche die Wirthſchaft führte und in dieſem Amte viele ſchätzbare Eigenſchaften bewies, nahm dagegen unſere Partei und warnte uns, wenn wir uns allein trafen, vor ſeinen Ueberfällen. Sie ihrerſeits ſchien es ungern zu ſehen, wenn ſich Onkel und Nichte mit einander allein befanden, und ſtörte nicht ſelten ein ſolches Zuſammenſein durch wirth⸗ ſchaftliche Mittheilungen oder Anfragen. Mit der un⸗ ermüdlichſten Thätigkeit, wegen deren ſie der Amtmann ſchätzte, verband ſie einen gewiſſen Widerſpruchsgeiſt und wünſchte in dem ihr zugewieſenen Kreiſe unum⸗ ſchränkt zu herrſchen.
Ich ahnte die geheimen Motive aller dieſer Vor⸗ gänge nicht, als mich eines Tages der Amtmann in


