Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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256 Ernſt Andolt.

Ich fand das Fräulein, wie am vorigen Tage; das Gemälde war beendigt, und ſie ſtand ſinnend davor.

Ich begann mit einer wohleinſtudirten Schutzrede für meine Kühnheit, ſchon wieder unberufen in das Heiligthum einzudringen. Ich berief mich auf meine doppelte Eigenſchaft als einſtiger Reiſegefährte und nun⸗ mehriger Hausgenoſſe und deutete auf die wunderbare Fügung unſeres Wiederſehens hin. Möchten Sie darin, rief ich warm, einen Wink des Himmels ſehen, daß Sie mir vertrauen dürfen. Betrachten Sie mich als einen beſcheidenen und zuverläſſigen Freund. Allerdings iſt unſre Bekanntſchaft von kurzer Dauer. Aber find wir armen Menſchen hienieden denn ſo überreich an fremder Liebe, um noch ſo viele Schranken des Miß⸗ trauens und der Convention gegen einander aufzuthür⸗ men, um höflich kalt an einander vorüberzugehen, wenn vielleicht das Herz nach Mittheilung ſeufzt? Ich ſprach noch viel in dieſer Weiſe; ich war auf einmal ſo beredt, als ich den Tag zuvor ſcheu und linkiſch geweſen ſein mochte. Vielleicht, daß mein geiſtlicher Stand und meine ehrliche Phyſiognomie, welche ſelbſt vor einem Lavater Gnade gefunden hätte, den Antrag meiner Freundſchaft unbedenklich erſcheinen ließ genug, Anna von Halden ſchenkte mir Vertrauen und erzählte mir die Schickſale, welche ſie in dieſes ländliche Aſyl verſchlagen hatten. An dem Tage, an welchei wir uns zuerſt begegnet, an jenem auch für mich ſo bedeutungsbollen 12. Februar, hatte ſie ihren Vater zum letzten Mal umarmt. Er hatte als preußiſcher Major nach dem Frieden von Tilſit ſeinen Abſchied genommen und voll Kummer über das Loos ſeines Landes in der Zurückgezogenheit ge⸗ lebt, als der zwiſchen Frankreich und Rußland drohende Krieg ſeine Hoffnungen neu entflammte. Er beſchloß, wie ſo mancher ſeiner preußiſchen Waffenbrüder, unter die Fahnen Alexander's zu eilen und auf den ſarmatiſchen Steppen für Deutſchlands Erlöſung zu kämpfen. Er wollte ſeiner einzigen Tochter trotz ihrer innigſten Bitten