Eine Nacht. 255
mich allerdings, daß ſich für meine Lehrthätigkeit hier ein völlig unbebautes Feld eröffnete. Der Unterrichts⸗ plan wurde feſtgeſetzt, wobei der Amtmann über meine Zeit in einer ziemlich deſpotiſchen Weiſe disponirte; er hatte ſie ja gekauft, und ich ergab mich in mein Lvos.
Wie ſchlichen die Stunden dahin, wie ſehnt' ich mich nach dem Abend, der mir Gelegenheit geben würde, das Fräulein zu ſehen!— Ach, ich mußte ihre Schick⸗ ſale erfahren; ſie mußte mir Alles anvertrauen, ich hatte ihr ſo viel zu ſagen.
Der Abend kam, aber meine Hoffnung wurde ge⸗ täuſcht; ich ſah Fräulein von Halden erſt bei Tiſch, wo ſich die Unterhaltung meiſt um Wirthſchaftsangele⸗ genheiten bewegte. Nach beendigtem Mahl wurde der vom Hausherri eingeführten und heilig gehaltenen Ge⸗ wohnheit gemäß eine Whiſtparthie geſpielt, an welcher ich mit dem Verwalter und der„Mamſell“ Theil neh⸗ men mußte. Das Fräulein wurde nur auf ihre drin⸗ gende Bitte davon dispenſirt und zog ſich auf ihr Zimmer zurück, worüber Herr O. ſehr ungehalten ſchien.
Am andern Morgen erwacht' ich mit dem erſten Sonnenſtrahl, kleidete mich raſch an und eilte in den Park. Wie ein Dieb ſchlich ich nach dem Borken⸗ häuschen; die Pforte war verſchloſſen. Ich konnte mir nicht verſagen, durch das Fenſter in das Innere des Heiligthums zu blicken; das Bild ſtand noch immer auf der Staffelei; ich betrachtete es mit eigenen Ge⸗ fühlen, es war mir, als ob der Mann mit den großen blauen Augen mich trauernd anblickte, und als ob ſich ſeine Lippen bewegten.
Ich kehrte nach dem Hauſe zurück; außer dem Amtmann fand ich ſchon alle Perſonen wach und in Bewegung. Ich begann meine Unterrichtsſtunden Gegen Mittag ſah ich durchs Fenſter den Amtmann ins Feld reiten. Ich gab meinen Zöglingen die Freiheit und ging nach der Kapelle.


