Eine Nacht. 253
der gleich wieder dem ſtillen Kummer wich, welcher ihr Antlitz trübte. Was war die Urſache dieſer ſchwei⸗ genden Klage?
Meine Blicke fielen auf das Gemälde; es war das Porträt eines Mannes; ich trat näher— ein ſchö⸗ nes, ausdrucksvolles Geſicht mit großen blauen Augen und einem braunen Backenbart— aber ein Geſicht in der Reife des Alters— ich athmete freier.
Es iſt das Bild meines armen Vaters, ſagte das Fräulein mit einer Thräne im Auge. Ich konnte es leider nur nach der Erinnerung entwerfen.
Er iſt wohl fern von Ihnen? fragte ich theil⸗ nehmend.
Recht fern— und vielleicht recht nahe, flüſterte ſie und deutete mit der weißen Hand nach oben.
Todt!— rief ich erſchüttert.
Das Fräulein rang nach Faſſung.
Ach! er iſt Ihnen nahe, ſprach ich bewegt, indem mir ſelbſt Thränen in die Augen traten. Er blickt liebend auf Sie herab— entſagen Sie nie dieſem Glauben.
Es entſtand eine Pauſe; ich wollte reden, aber die Stimme verſagte mir; mein Herz war ſo voll.
Plötzlich hört' ich Schritte; der Amtmann trat in
die Kopelle. Nie war mir ſeine Erſcheinung ſo wider⸗ lich, als in jenem Moment.
Wo bleiben Sie nur, Herr Candidat? rief er mit ſeiner näſelnden Stimme; ſeit einer halben Stunde ſuchte ich Sie' im ganzen Garten. Haben derweil die
Bekanntſchaft meiner Nichte gemacht. Fräulein von Hal⸗
den— Candidat Friedmann— ſagte er, uns gegen⸗ ſeitig vorſtellend.
Wie gefällt Ihnen der Kaſten? fuhr er fort, auf die Wände deutend. Ein Denkmal meiner Schwäche für die Wünſche dieſer jungen Dame. Die Baracke war total verfallen, mit Spinnweben und Geſtrüpp überzogen, als ich das Gut übernahm. Ich hatte zehn Jahre lang, die ich hier wirthſchafte, kein Geld für


