Eine Nacht. 251
kommen, wie wir das bei uns im Heiligen Römi⸗ ſchen Reich ſeligen Andenkens ſattſam genoſſen haben. Je kleiner das Land, deſto mehr Schlagbäume und deſto größere Steuern; je weniger Volk, deſto mehr Standesunterſchiede; je weniger zu regieren, deſto mehr Beamte; je kleiner das Heer, deſto mehr Paraden; je weniger Macht, deſto mehr Anmaßung. Und um dieſe Herrlichkeit zurückzuführen, ſollen wir unſern letzten Thaler hergeben oder gar unſer Leben riskiren?— Thoren, die's thun!
Ich kann nicht leugnen, daß die den meinigen ſchnurſtracks entgegenlaufenden Anſichten des Amtmanns mir imponirten; ich wurde zweifelhaft und fühlte mich in meinem Vertrauen auf den Sieg der guten Sache erſchüttert. In dieſem Augenblick wurde Herr O. ab⸗ gerufen; er erſuchte mich, ſeine Rückkunft zu erwarten.
Ich trat aus der Laube und bemerkte, daß der hintere Theil des Gartens in Parkanlagen auslief. Ich wandelte zwiſchen den im erſten ſommerlichen Grün prangenden Baumgruppen umher, als ich unter den Wipfeln einiger hochſtämmiger Buchen ein Borken⸗ häuschen in der Form einer Kapelle erblickte. Ich trat näher und ſah die Thür des Häuschen offen ſtehen. Nach einigem Bedenken folgt' ich dem Zuge der Neu⸗ gier und trat hinein. Wie erſchrak ich aber, als ich mich einer ſchwarz gekleideten Dame gegenüber fand, welche im Innern der Kapelle an einem mit buntfar⸗ bigen Scheiben gefüllten Fenſter vor einer Staffelei ſaß, auf welcher ein faſt vollendetes Porträt aufgeſtellt war
Mein Eintritt war ſo geräuſchlos geweſen, daß die Dame, in ihre Arbeit vertieft, mich nicht bemerkt hatte. Ich wollte zurücktreten; aber der Anblick feſſelte mich. Es war ein Bild wie aus einem Tieck'ſchen Märchen. Die kleine, gewölbte Kapelle, matt erhellt von den durch die farbigen Scheiben brechenden Sonnen⸗ ſtrahlen,— die ſchwarzgekleidete Frauengeſtalt, deren blaſſes, edel geformtes Antlitz von den gelben und


