Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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Eine Nacht. 241

trauen iſt in dieſen Zeiten eher eine Tugend, als ein Laſter; und was ſchadet es nachher, wenn es unbe⸗ gründet ſein ſollte!— Unterſuchen wir vor Allem die Natur dieſes Bodens!

Ich ging fröſtelnd, mit dem Lichte umherleuchtend, vorwärts. Doch ach!

Des Menſchen Vorſicht ſelbſt zeugt oft Gefahr!

Indem ich nach allen Seiten umherſpähte, blies ein durch eine Dachluke einfallender Windſtoß mein Licht aus; erſchrocken tappte ich umher, den Rückweg zu finden; ich fühlte eine unbeſchreibliche Angſt und Verwirrung in der Finſterniß; ich tappte immer wei⸗ ter, ohne die erſehnte Pforte zu finden—— da plötz⸗ lich trete ich mit dem vorgeſtreckten Fuße ſtatt auf ſolide Bretter in die leere Luft und ſtürze mit einem Schrei des Entſetzens in einen dunkeln Abgrund.

Ich fiel weicher, als ich hoffen durfte— in einen Heuhaufen, deſſen duftige, prickelnde Wogen über mir zuſammenſchlugen. Tiefes Dunkel rings umher.

Schmachvolles Schickſal! rief ich, unwürdiges Loos eines Candidaten der Gottesgelahrtheit, eines künftigen Feld⸗ und Siegespredigers!— Da lieg' ich hülflos— bei drei Grad Kälte— in einer Scheune, in einem ſchnö⸗ den Heuhaufen, um morgen von dem Kuhhirten oder dem Hausknecht erlöſtt und allgemein ausgelacht zu werden!— Hab' ich deßhalb der bleiernen Drohung eines ergrimmten Ritters getrotzt— hab' ich deßhalb durch die Kühnheit meiner Tiſchreden die Hochachtung zweier Ehrenmänner erworben— um morgen als zähneklapperndes Geſpenſt aus dem Abgrund eines Futterbodens aufgefiſcht zu werden?— Friedmann! wie tief biſt du geſunken!—— Aber dir iſt recht ge⸗ ſchehen; wozu dieſe übertriebene Vorſicht, dieſe überall umherſpähende Furchtſamkeit! Ohne ſie könnteſt du jetzt in einem warmen Bette hinter rothen Vorhängen liegen und pon Ruhm und Feldpredigten träumen.

Novellenſchaz. Bd. LRKII. 16