234 Ernſt Andolt.
unbedeutenden Gefahren jene phyſiſche Feſtigkeit fehlte, welche den Herzſchlag ruhig, den Kopf kalt erhält, jene Geiſtesgegenwart, welche ſogleich das rechte Mittel und den raſchen Entſchluß giebt. Aber ein Muth hat mir nie gefehlt: der moraliſche. Wo es ſich um ſittliche Güter, um meine Menſchenwürde handelte, habe ich nie Furcht gekannt. Ich gehöre zu den Menſchen, welche ein biffiger Hund mehr erſchreckt, als ein wüthen⸗ der Menſch.
Ich nahm ſchweigend eine der dargereichten Piſto⸗ len, feuerte ſie in das Kamin ab und ſagte:
Ich erlaube Ihnen, mich zu erſchießen; aber Sie werden mich nie zwingen, etwas wider meine Ehre zu thun. Der Eid, welchen Sie von mir fordern, ver⸗ trägt ſich nicht damit; denn was bedeutet Ihre Zumu⸗ thung anders, als daß Sie mich durch eine moraliſche Handſchelle, durch ein religiöſes Zwangsmittel verhin⸗ dern wollen, einen Schurkenſtreich zu begehen, den jeder Ehrenmann von ſelbſt nicht begeht, bei deſſen bloßer Erwähnung mein ganzes Inneres von Unwillen zittert. Halten Sie mich für fähig, die Köpfe meiner Lands⸗ leute der fränkiſchen Polizei zu verrathen, ſo thun Sie, was Sie vor Ihrem Gewiſſen verantworten zu können glauben. Aber nichts ſoll mich bewegen, einen Eid zu ſchwören, über den ich erröthen müßte.
Der Baron warf die Piſtole auf den Tiſch und ging finſter auf und ab. Ich ſetzte mich in einen da⸗ ſtehenden Seſſel und ſtellte Betrachtungen über den Tod und die Unſterblichkeitslehre an; ich dachte an meine arme, verwittwete Mutter daheim, die auf mich, ihren einzigen Sohn, ihre lebensherbſtlichen Hoffnungen geſetzt hatte; mein Herz wurde weich und wehmüthig, aber mein Entſchluß blieb feſt; ich beſann mich zur Stärkung auf die erhabenſten Stellen aus Seneca und Plato und war eben im Begriff, eine der ſchönſten
Sentenzen aus der Apologie des Sokrates zuſammen⸗
zubringen, als ſich in dem Gange ſchwere Tritte hören


