Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Eure Wege ſind nicht meine Wege⸗ 43

Mittel in Bewegung geſetzt, damit dieſe Erſcheinung

keine vorübergehende ſei. Niemand ſah den Weg, den

ſie ging; kein Blick, kein Lächeln wurde aufgefangen,

das ſie nicht jedem Andern eben ſo füß und hold und

verſchämt gegönnt, und doch fühlte Derjenige, den es anging, ſich mit jedem Tage feſter von einem unſicht⸗ baren Zaubernetze umſpannt. Er ging und kam zuerſt zufällig, dann nach und nach die Häuſer ſuchend, wo er denken konnte ſie vielleicht zu ſehen; und immer enger fühlte er ſich von den unzerreißbaren Fäden umſtrickt, und immer häufiger nach einander folgten ſich ihre Be⸗ gegnungen mit ihm, bis ſie eines Morgens ſeine Karte auf dem Schreibtiſche ihres Vaters fand. Und noch immer hatte kein Menſch, ſelbſt ihr Vater nicht, eine Ahnung von dem großen Werke, das ſie ſo ſtill und heimlich und ſicher angelegt.

Wenn ſein Blick ſo prüfend an ihr hing, da es einem ſo reizenden Geſchöpfe galt, erregte es weiter keine Aufmerkſamkeit; der Ernſt, der ihm eigen war, ſchien ſogar tiefer geworden in der letzten Zeit, und wenn ſie mit ſo reizendem Erröthen die ſtrahlenden Augen in ſchüchterner Frage zu ihm aufſchlug, und mit ſo tiefer Ehrerbietung den meiſt kurzen Antworten lauſchte, was war es weiter als die Befangenheit, die einem jungen Gemüthe, dem Uebergewicht an Jahren und Erfahrung gegenüber, ſo natürlich iſt? Weiter dachte man nicht, und kein Menſch ſah oder errieth, daß dieſer Mann Alles beſaß, was für Leonie die Pa⸗ nacee des Lebens war. Was ein jüngeres Gemüth — denn Levnie, obgleich jung an Jahren, war alt im Geiſte, älter vielleicht als mancher vielgelebte Greis — was alſo ein jüngeres Gemüth abgeſchreckt hätte, das waren für ſie nur Stäubchen auf einem Ge⸗ mälde, die ihr befriedigtes Auge leicht überſah. Was wollte ſie auch mehr? Freilich war er nicht jung, aber wie dankbar würde er in dieſem Bewußtſein für jede kleine Aufmerkſamkeit ſein! Freilich war er