Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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44 Hermine Wild.

nicht ſchön, aber häßlich im Grunde auch nicht, und eine Frau konnte ſich immerhin an ſeinem Arme ſehen laſſen und noch den Neid ihrer Gefährtinnen er⸗ regen. Von ſeinem fabelhaften Reichthume hatte Leonie oft genug gehört, und wie viel er beim Könige galt, wußte alle Welt. Selbſt ihr Vater mußte ſich im Ganzen als befriedigt erkennen; Graf Hoheneck war ein Ehrenmann, und wenn auch nicht von der romantiſchen Sorte, wie die Phantaſie eines jungen Mädchens ſie ſo gerne träumt, in den Augen ihres Vaters konnte das kein großer Fehler ſein, und wir wiſſen es, Leonie hatte nicht viele jugendliche Träume gehabt.

O wenn der Vater ihm nur den Zutritt geſtattet! ſagte ſie ſich, das kleine Blättchen in ihrer Hand um und um beſehend, als ſuche ſie darauf die Spur zu finden, welche die mögliche Zukunft ihm vielleicht ein⸗ gedrückt, und wenn er es auch nicht geſtattet, fuhr ſie in ihren Gedanken fort, es ließen ſich wohl Mittel und Wege finden wenn nur— an dieſem„wenn nur“ blieben ihre Gedanken haften, während ſie die Treppe hinunterging und in den Wagen ſtieg, der ihrer wartete, und alle gewagten Möglichkeiten, welche die verzwei⸗ felnde Liebe erſinnt, um zu dem erſehnten Ziele zu ge⸗ langen, zogen während der Fahrt nach einander durch Leonie's liebeleeren Sinn.

Aber zu ſolchen Maßregeln ſollte ſie nicht getrie⸗ ben werden. Schon bei der Rückkehr von der Spa⸗ zierfahrt trat ihr Graf Hoheneck aus dem Hauſe entgegen. Er verbeugte ſich tief und folgte mit den Augen dem feinen, anmuthigen Weſen, das, faſt wie ein Hauch, mit kaum merklichem, ſchüchternem Gruße an ihm vorbeiſchwebte und, ohne ihn anzuſehen, um die Biegung der Treppe verſchwand.

Alſo hat der Vater ihn angenommen, dachte ſie uun wohl, deſto leichter iſt der Sieg. Und ſie irrte ſich nicht, der Sieg war leichter, als ſie es geglaubt, denn ſchon nach einigen Tagen hielt Graf Hoheneck um