4² Hermine Wild.
eingeflößt, das ſehr geeignet war in eine tiefere Hul⸗ digung überzugehen? Wer konnte es ihr nachmachen m der ſchweren Diplomatie der Toilette, die mit dem franzöfiſchen Blut ihrer Mutter auf ſie übergegangen war? Welch tiefes Verſtändniß lag in der anſpruchs⸗ loſen Kleidung, die ſelbſt des einfachſten Schmuckes zu entbehren ſchien und doch durch ein unerreichbares Etwas allen Schmuck der Andern verdunkelte!
Genie iſt unmittelbare Offenbarung der verklärten Natur, und zu jeder höheren Vollkommenheit, wäre es auch nur Koketterie, gehört Genie. Und wenn die noch nicht ſiebzehnjährige Kokette nachläſſig hingegoſſen, mit dem Fächer ſpielend, an banger Scheu und Sitt⸗
ſamkeit es der Sprödeſten zuvorthat, ſo wußte ſie dabei
ganz genau, daß an jeder Locke ihres blonden Haares, an jedem ſüß verſtohlenen Blick mehr Augen und Her⸗ zen hängen blieben, als die blendendſte, offen zur Schau getragene Schönheit zu erobern vermochte.
Das war Etwas, und für den Augenblick war es genng. Ohne mit Beſtimmtheit Hoffnungen zu erwecken, die ſie zu erfüllen nicht geſonnen war, und doch ohne Einen ihrer zahlreichen Bewerber zu entmuthigen, ging ſie ruhig ihren Weg. Einer zieht den Andern an, dachte ſie, und der Beſte von dieſen iſt noch immer beſſer als gar keiner, wenn ich doch endlich zu einer ſchlechten Wahl ſchreiten ſoll.
Sie hatte tauſend kleine Mittel bei der Hand, den Schüchternen die Hoffnung zu erhalten und den Zu⸗ dringlichen zu beweiſen, daß Geduld die Wurzel alles Gelingens ſei, und ihre Sittſamkeit leiſtete ihr treffliche Dienſte dabei. Dennoch erfaßte ſie manchmak ein Miß⸗ behagen, ein Zorn gegen ſich ſelbſt und die Welt— aber es war der Zorn über die weite Ferne des Zie⸗ les, das ſie ſich geſetzt, und das trotz alles Bemühens noch immer von ihr zu weichen ſchien.
Endlich ging ein glänzender Stern an dem Hori⸗ zonte ihrer Hoffnungen auf, und ſogleich wurden alle


