Eure Wege ſind nicht meine Wege. 41
das Zweite, was ihr zu ihrem Zwecke nöthig ſchien. 3 Außerdem ſichert der Ehrgeiz des Mannes der Frau manchen Vortheil, der in dieſem bunten Schauſpiel der Geſellſchaft, wo der Schein eine ſo wichtige Rolle ſpielt, nicht zu überſehen iſt. Darauf beſchränkten ſich denn auch ihre Forderungen. Alles Andere war von unter⸗ geordneter Bedeutung, nur an dieſen zwei Punkten hielt ſie feſt. Nun drängte ſich zwar eine bedeutende Schaar von Bewerbern um die ſchöne, reiche Erbin, aber bei der ſtrengen Sichtung, die ihr Vater mit ihnen vornahm, blieben nicht immer die Reichſten und Angeſehenſten zurück, und bis jetzt war Keiner erſchienen, welcher die von Beiden gewünſchten Eigenſchaften vereint in ge⸗ nügendem Grade beſaß.
Aber Leonie konnte warten. Sie kannte ihre Macht zu gut, um über den Erfolg im Geringſten zweifelhaft zu ſein. Der Spiegel hatte ihr es oft genug gezeigt, was ſie ſo gerne ſah; und hätte er es auch nicht gethan, die ſtumme und laute Bewunderung, die ſie überall, wo ſie ſich zeigte, wie ein berauſchender Duft umgab, hätte ſie hinreichend darüber aufgeklärt. Zwar war ihre Schönheit gerade nicht von der Art, welche man mit dem Worte glänzend bezeichnet; ſie war zu fein und ätheriſch, um auf irgend eine Weiſe in die Augen fallend zu ſein; doch riß der Blick, der ihr einmal folgte, ſich nur mit Mühe von ihr los. Und wem hätte dieſe weiche, kindlich zarte Geſtalt, mit dem ſchwebenden, elaſtiſchen und doch ſchüchternen Schritt, die dunklen Augen, unter deren langen Wimpern der Blick wie eine ſcheue Bitte ſich nur furchtſam hervor⸗ zuſtehlen ſchien, das wunderſame, ſüß geheimnißvolle Lächeln, das die feinen Lippen umſchwebte und Jeden unwillkürlich aufzufordern ſchien, zu erforſchen, was ſich dahinter verbarg; das Licht mit Schatten wechſelnd, das über die feinen, beweglichen Züge ging und kam, in ewig neuem, wechſelnden Reiz; wem hätte Alles dies nicht wenigſtens ein Gefühl lebhaften Intereſſes


