Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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Eure Wege ſind nicht meine Wege. 39

noch thun, wenn er das im Stande geweſen! Und hatte auch, wie ſie es aus den halben Aeußerungen Beider zu entnehmen glaubte, ihre Mutter die größte Sünde begangen, die ein Weib, dem Manne gegenüber, begehen kann; hatte dieſer Mann darum das Recht, ſie zu einem ſolchen Leben zu verdammend Ein Leben, das nur ein langſames Sterben war! O lieber, viel lieber ein ſchneller Tod! Und Leonie, die den Werth der Freiheit kannte, weil ſie ihrem inneren, zügelloſen Veſen höchſtes Bedürfniß war, ſchauderte, tief in ſich zuſammengeſchmiegt.

Sie ſtand auf, ließ ſich ankleiden, ging auf und ab und ſetzte ſich wieder, bald hier, bald dort. Die Unruhe ihres Herzens ließ ſich nicht beſchwichtigen. Fräulein Pertold erzählte; die Kammerfrau weinte, die Heimat zu verlaſſen, und lächelte zwiſchen ihren Thränen, denn ſie dachte doch qch an die mancherlei Zerſtreu⸗ ungen, die das Sta tleben bieten würde, und für welches ſie durchaus nicht unempfindlich war. Da⸗ zwiſchen gingen die Vorbereitungen zur Abreiſe rüſtig vor ſich, und Leonie's Gedanken ſen weit von Allem weg, was um ſie her ſich begab. Aus dem Wagen blickte ſie noch einmal nach dem Waldſaum zurück, wo ein vor Kurzem ſo heißes Herz jetzt ſo ruhig ſchlief, ſo ruhig und ſo kalt! Sie warf ſich in die Wagenecke zurück; ihr Vater ſaß ihr gegenüber und ſchien für nichts Sinn zu haben, als für Pferde, g Wagen und alle Bedürfniſſe einer raſchen Fahrt.

Ein Jahr iſt vorübergegangen, unter deſſen Ein⸗ fluß das frühreife Mädchen ſchnell zur vollendeten Jungfrau herangeblüht. Leonie's Traum war erfüllt; ſie war in die Welt eingetreten und an hohen und höchſten Orten vorgeſtellt worden, wo das Vorſtellen gebräuchlich iſt, und ſelbſt ihr ehrgeiziges Herz war