Hermine Wild.
Leonie vor, während ſie da, auf ihrem Bett ſitzend, unter dem Wortſchwall der entzückten Gouvernante die träumeriſchen Augen durch das Zimmer gleiten ließ, das ſie durch ſo viele Jahre mit ihren heißblütigen Träumen ie in verſchwiegener Treue beſchirmt? War es die Trauer des Scheidens, die ſich nun im letzten Augenblicke über ihre Seele ſtahl? Nein, Trauer war es nicht. Auch Freude konnte man es nicht nennen, wenigſtens nicht jene Freude, die ſie ſich ſo oft vorge⸗ ſpiegelt empfinden zu müſſen, bräche dieſer Tag des Scheidens jemals für ſie an. Zu viel bittere Gefühle miſchten ſich darein. Die Entdeckung dieſer Nacht, das
Bewußtſein, daß der Riß zwiſchen ihr und ihrem
Vater dadurch unheilbar geworden und keine Verſtellung von ihrer Seite jemals genügen könne, ihn auszufüllen; die Empfindung trotzigen Haſſes, welche aus dieſem Bewußtſein und dem Schickſal ihrer Mutter entſprang und, nur von Angſt und Grauen gedämpft, ſich ſcheu unter einen anderen Namen verkroch, und zu welchem die frühere Entfremdung nur zu ſehr den Weg gebahnt, das Alles lag dumpf auf ihrem Herzen und übertönte die lockende Stimme in ihr, die ſo leidenſchaftlich nach Glanz und Vergnügen ſchrie.
Und doch miſchte ſich darin kein Schmerz um jene Mutter, die, kaum gefunden, ihr faſt in demſelben Augenblick unwiederbringlich durch den Tod entriſſen war. Leonie bedurfte einer Mutter nicht. Die Weich⸗ heit, die in der Bruſt faſt jeden Weibes nach einer feſteren Stütze begehrt, fehlte in ihrem Charakter, oder war wenigſtens längſt in ihr erſtickt. Faſt ſchneller noch als die kleinen Füße, die ſie ſo leicht und ſtark über jedes Hinderniß trugen, das ihr im Wege lag, hatte ihr Geiſt allein gehen gelernt, und keine Hand der Liebe hatte ihn dazu geführt. Und nach der erſten Aufwallung war nichts in ihr geblieben, als ein düſteres Brüten, ein ſtaunendes Entſetzen über das, was ihr Vater gethan. Was konnte er nicht Alles
& c


