Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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Hermine Wild.

Qualen deiner Seele zur Ruhe ſpreche, obgleich ich dich wiederholt darum bitten ließ. Nun bin ich ſelbſt ge⸗ kommen, dir ein Wort der Verſöhnung mitzugeben in die letzte Heimath, zu welcher du nun gehſt. Möge der Himmel dir ein milder Richter ſein! Du weißt, ich habe dir längſt verziehen.

Da blitzten die Augen der Unglücklichen zornglühend

auf. Ich will keine Verzeihung, ſchrie ſie laut, daß es in dem Zimmer widerhallte und Jeder entſetzt von ihr zurückwich, was habe ich mit dem Himmel zu thun? Was brauche ich deine Verzeihung? Ich fühle keine Reue— was ich that, ich thäte es wieder.— O daß es nicht gelungen iſt! Jede Freude haſt du mir ge⸗ nommen, jede Luſt des Lebens haſt du mir zerſtört. — Fluch dir!— Fluch Allen, die in meinem Wege ſtanden! Weg mit deiner Verzeihung! Dem Schickſal fluche ich, das mich zertrat— und Rache— Rache — ja, Rache— Die Kräfte verſagten ihr, und ſie ſank bewußtlos zurück. Auf ein Zeichen des Grafen wurde Leonie halb ohnmächtig hinausgebracht. Er ließ einen Wagen kommen und fuhr mit ihr nach dem Schloße zurück. Noch bevor er das Haus verließ, war Alles beendet, und die unglückliche Frau hatte die Ruhe gefunden, die ihr auf dieſer Erde ſo lange Zeit gefehlt.

Gleich nach ihrer Rücktehr auf das Schloß zog ſich Leonie in ihr Zimmer zurück. Kein Wort war ſeit dem furchtbaren Vorgang über ihre Lippen gekommen; ſie ſchüttelte verneinend den Kopf, als der Graf ihr rieth, die Kammerfrau bei ſich wachen zu laſſen, und er kam ſelbſt ein paar Mal während der Nacht, nach ihr zu ſehen. Aber ſie lag, ohne ſich zu rühren, und er erhielt weder Blick noch Wort. Die Einſamkeit und⸗ Stille der Nacht thaten ihr wohl. Alles brannte und tobte in ihr, und der Schritt ihres Vaters ging wie ein ſcharfer Weſſerſtich durch ihr Gehirn. Dennoch ſaß ſie am folgenden Morgen angekleidet und äußerlich