Eure Wege ſind nicht meine Wege. 33
Unterdeſſen hatte ſich die alte Bäuerin allmählich von ihrem Staunen erholt; der ſtrenge Befehl des Grafen fiel ihr ein und zugleich die Angſt für ihren Sohn.— Ach, Fräulein Leonie, wo kommen Sie her? jammerte ſie und faßte des Fräuleins Arm mit ihren zitternden Händen, ſie wo möglich von der Kranken wegzuziehen. Herr Gott! was wird der Herr Graf ſagen! Ach, gnädiges Fräulein, haben Sie Mitleid mit mir und meinem Sohne, der nicht zu Hauſe iſt! — Aber mit einer ungeduldigen Geberde machte Leonie ſich von ihr los, und rathlos ſank die alte Frau auf ihren Stuhl zurück.
Mit freudeſtrahlendem Auge betrachtete indeſſen die Kranke das junge Mädchen, das neben ihr auf die Kniee geſunken war. Ja, du biſt mein Kind, meine Tochter! meine einzige Tochter! mein Eigen, mein ſüßes Eigenthum! und leidenſchaftlich küßte ſie des Mädchens Stirn, Haare und Hände, die ſie feſt an ihren Buſen geſchloſſen hielt.
O meine Mutter, warum das Alles? rief Leonie; aber der Ausruf verhallte ungehört, der Kranken ganzes Leben ſchien nur noch in ihren Augen zu liegen.
Laß dich anſchauen! ſagte ſie leiſe, aber mit aller tiefen Glut ungeſättigter Leidenſchaft, laß dich an⸗ ſchauen! Laß mich ſehen, wie ſchön du biſt! O du biſt ſchön! Du mußteſt es ja ſein.— Er war es auch.— O nur einen Zug des Lebens laß mich aus
deinen Augen trinken, an deinen Lippen hängt ja der
volle Becher! Einen Tropfen nur von dem Ueberfluß, der deiner Jugend entflieht! O du biſt glücklich!— Sei es— aber vergiß deine Mutter nicht!
Die furchtbare Aufregung fing an, ſich zu legen, ſie ſchloß die Augen und lehnte den matten Kopf an die Polſter zurück. Leonie drückte zitternd das Geſicht in die Kleider der Sterbenden.
Düſtere Gedanken ſchienen bei dieſer die Aufwallung der erſten Freude nach und nach zu verdrängen; die
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Novellenſchatz. Bd. XXII. 3
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