Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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32 Hermine Wild.

verlaſſend, außerdem noch einige kleine Vorkehrungen in den unteren Räumen ihres Hauſes glücklich zu Ende gebracht, trippelte ruhigen Gewiſſens, ſo leiſe ſie konnte, die knarrende Treppe wieder hinauf, und war nicht wenig überraſcht und gekränkt, Tine auf ihrem Poſten zu vermiſſen. Das Kind wird ſich gefürchtet haben ſo allein, dachte ſie, man kann ſich auf die Jugend doch gar nicht verlaſſen.— Die Kranke war ruhig und athmete mühſam und leiſe. Die alte Frau zog ein Gebetbuch aus der Taſche, ſetzte die Brille auf die Naſe und begann für die ſcheidende Seele zu beten. Alles war ſtill. Die Zeit wurde ihr lang, ihr ſelbſt war nicht ſehr geheuer, und Tine kam noch immer nicht.

Das Mädel muß wo eingeſchlafen ſein, ſagte ſie ſich, es iſt ja noch ein Kind, und das viele Wachen hat es ermüdet.— Draußen ertönten jetzt Schritte, aber ſie hörte ſie nicht, ſie nickte und murmelle über ihr Buch gebeugt. Ein leiſer Ausruf erweckte ſie erſt aus dem halben Schlummer, in den ſie verſunken war; wer ihn ausgeſtoßen, wußte ſie nicht, aber ſie ſchlug die Augen auf und ſah ihr junges Fräulein, vom raſchen Laufe erhitzt, mit wirrem Haar und wunder⸗ ſchön, wie ein Lichtgebilde, mitten im verdunkelten Zimmer ſtehen. Die Kranke ſtand aufrecht, wie von neuer Lebenskraft beſeelt. Mein Kind!— rief ſie und ſtreckte der Eintretenden beide Arme entgegen.

War es die Stimme des Blutes, die mit über⸗ wältigender Macht zu dem Herzen des jungen Mäd⸗ chens ſprach? Wie Strahl und Blitz ſchlug es in ſie ein, ſie wußte, wem ſie gegenüberſtand, und hatte ſie doch nie gekannt.— Meine Mutter! rief ſie laut und ſtürzte mit mächtiger Bewegung der Wiedergefundenen an die Bruſt. Aber es war zu viel für die ſchwindende 5 Kraft der ſchwachen Frau, und ſie ſank erſchöpft in ihren

Seſſel zurück während Levnie in bebender Ueberraſchung an ihr nieder auf die Kniee glitt.

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