Eure Wege ſind nicht meine Wege. 31
ein Schritt nach der Thüre. Doch plötzlich hielt ſie inne und überlegte einen Augenblick. Freilich war ſie der Löſung des Räthſels nahe, die ſie einſt mit ſo leidenſchaftlicher Gier geſucht— aber würde ihr Vater nicht erfahren, wo ſie geweſen? würde er ſelbſt viel⸗ leicht in dieſer letzten Minute die Frau nicht ſehen wollen, für welche er ein ſo reges, wenu auch feind⸗ ſeliges Intereſſe an den Tag gelegt?— Sie ſchwankte und wandte ſich unſchlüſſig wieder ab.
Mit einem angſtvollen Blick folgte Tine jeder ihrer Bewegungen. O Fräulein! bat ſie wieder; doch Leonie hörte ſie nicht, ihre Gedanken ſchlugen eine andere Wendung ein. Und ſollte ſie einer einfachen Möglichkeit wegen, die vielleicht nicht in Erfüllung gehen würde, die Gelegenheit aufgeben, die einzige, die ſich nie mehr bieten würde, dieſes Räthſel endlich auf⸗ geklärt zu ſehen? O dieſes Räthſel, mit dem das Leben ihres Vaters vielleicht ſo eng verflochten war, dieſes
Vaters, der nie einen freundlichen Blick für ſie gehabt — und ſie ſollte nicht erfahren, was er ſo heimlich vor der Welt verbarg?— Sie ſollte nicht wiſſen, aus welchem dunklen Grunde die Wurzel dieſes Thuns entſprang? Und warum? Wegen einer Möglichkeit, die vielleicht nicht in Erfüllung ging;— und wenn auch! dachte ſie; die flüchtige Erregtheit wich einer leichten Bläſſe, und ihre Züge ſammelten ſich nach und nach in einen Ausdruck unbeugſamer Entſchloſſenheit — wenn auch— iſt es mir erlaubt, die Bitte einer Sterbenden abzuſchlagen? Was iſt es mehr? Und — tödten kann er mich doch nicht. Raſch warf ſie ein Tuch um Kopf und Schulter, und den nächſten Augenblick ſchon eilten ſie Beide dem Waldhofe zu. Um dieſelbe Stunde ſchlug Thomas bedächtigen Schrittes den Weg nach dem Schloſſe ein. Seine alte Mutter indeſſen, nachdem ſie ſeinen Bericht mit manchem Seufzer und bedeutſamem Achſel⸗ zucken entgegengenommen und, ſich auf Tine's Treue
————


