Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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Cure Wege ſind nicht meine Wege.

Jetzt geh!— jetzt iſt es Zeit! ſagte ſie.

Das Mädchen fuhr zitternd in die Höhe.

Hörſt du mich, Tine? rief die Kranke ungeduldig.

Das arme Kind fank in die Knice: Ich kann nicht! hauchte ſie in furchtbarer Angſt— Ich darf nicht!— Mein Oheim jagt mich fort, wenn ich es thue!—

Dann nimm den Fluch einer Sterbenden auf dich! — Weißt du denn nicht, daß du geſchworen haſt und ich habe Niemand zu ſchicken, als dich— und ich ſterbe— ich ſterbe!— Weh dir, wenn ich ſterben muß in dieſer Todesangſt, die mich nicht ſterben läßt!—

Sie war aufgeſtanden und machte eine Bewegung auf das Mädchen zu. Doch dieſes war todtenbleich aufgeſprungen.

Ich gehe, ſagte ſie, mag mein Oheim mit mir thun, was er will.—

Und leiſe und eilig hatte ſie das Zimmer verlaſſen und ſchlich durch eine Hinterthüre zum Hauſe hinaus.

Der Abend war unterdeſſen angebrochen, der trübe Herbſtabend, der ſich ohne Sternenlicht in ſeinem Nebel⸗ mantel feucht über die erſtarrende Erde legt. Leonie ſaß noch immer am Klavier in dem verdunkelten Zim⸗ mer; aber Fräulein Pertold hatte ſie verlaſſen, und in dieſer Stunde der Einſamkeit lag auf der jungen Stirn ein Ausdruck, der von dem ruhiger Heiterkeit, den ſie vorhin trug, ſehr verſchieden war. Es war der Aus⸗ druck tiefſter Langeweile und Abgeſpanntheit. Die zier⸗ lichen Hände glitten in nachläſſiger Trägheit über die Taſten und lockten Accorde daraus hervor, die ohne Ordnung und Verbindung, wie ſie ſchienen, die vft unterbrochene Begleitung für die unruhigen Gedanken des jungen Mädchens bildeten— O Gott! dachte ſie, wann wird das enden? Wie bin ich müde, müde, müde! — Otto liebt das Landleben— ja freilich— er iſt immer in der Stadt!— Wie glücklich ſind die Knaben! Sie

können fort.— Was gäbe ich darum, ein Knabe zu

ſein!— Trab— trab— ein Tag wie der andere

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