Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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Hermine Wild.

dem Fenſter, auch heute ſtarrten ihre Augen in heißer Sehnſucht in die herbſtgefärbte Landſchaft hinaus. Der Arzt war gekommen und fortgegangen. Dieſe Nacht werde wohl die letzte ſein, hatte er unten zu Thomas geſagt und eben ſchob dieſer die ſchweren Riegel hinter dem Fortgehenden zu. Da ſchlich ſeine Mutter ſacht aus dem Krankenzimmer zu ihm herab, um den letzten Ausſpruch des Arztes zu vernehmen. Oben bei der Sterbenden blieb nur ein halberwachſenes Kind, eine arme Waiſe, welche Thomas zu ſich genommen, um der Mutter in der Pflege der Kranken beizuſtehen.

Es war ein eingeſchüchtertes, ſcheues Weſen, das in der unheimlichen Stille des Hauſes kaum eine Be⸗ wegung zu machen oder ein lautes Wort zu ſprechen wagte. Denn die alte Frau hatte die Gemüthlichkeit, die ſie zu Anfang mitgebracht, in ihrem Wächteramte längſt verloren, und Thomas war mürriſcher als je. Selbſt für ihn war es ein trauriges Schauſpiel, die gequälte, noch immer ſchöne Frau ſo Zoll für Zoll ab⸗ ſterben zu ſehen, und es iſt kein Wunder, wenn die Zeit ihm lange währte, bis ſie die letzte Erlöſung fand.

An jenem Kinde nun hatte die Frau in aller Stille ſich eine Bundesgenoſſin gemacht. Wort für Wort, ohne daß Jemand darum wußte, hatte ſie von

ihr ſo viel von der deutſchen Sprache gelernt, als ſie

bedurfte, um ſich verſtändlich zu machen, um zu hören, was um ſie her geſprochen wurde, obgleich niemals eine Miene in ihrem Geſichte verrieth, daß ſie den

Inhalt der Geſpräche verſtand.

Geräuſchlos war die Thüre in das Schloß gefal⸗ len, und der ſchleppende Gang der alten Frau war auf der Treppe verhallt. Die Lampe brannte auf dem Tiſche; in der Ecke ſaß das Mädchen mit rothgeweinten Augen angſtvoll zuſammengedrückt und rührte ſich nicht. Da erhob ſich die Sterbende langſam aus ihrer liegen⸗ den Stellung, und mit einer gebieteriſchen Geberde winkte ſie die Kleine herbei.