Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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Sure Wege ſind nicht meine Wege. 27

ihrer kleinen, ſchon ſo reifen Politik geworden war, ſchien der ganze Vorgang von ihr vergeſſen zu ſein. Schien, ſagen wir; denn wie ein ſchlummernder Keim lag er in ihrer Seele und wartete des Anſtoßes, der ihn zu neuem Leben wecken ſollte, und dieſer blieb nicht aus.

Sechs Jahre waren auf dieſe Weiſe verfloſſen, Leonie hatte das fünfzehnte Jahr erreicht, und die erſte Morgenröthe der Jungfräulichkeit übergoß ihre Stirne mit einem erhöhten Zauber.

Sie ſaß am Klaviere, über deſſen Taſten unter Fräulein Pertold's Leitung ihre feinen Finger in glän⸗ zenden Trillern flogen. Von dem frühern Wildfang war nichts mehr an ihr zu ſehen. Ihre Kleidung war gewählt, ihre Haltung elegant und fein, und das goldige Haar ſchmiegte ſich in glänzender Fülle um das junge, geiſtvolle Haupt..

Um dieſelbe Stunde des Nachmittags ging es leb⸗ hafter als ſonſt in dem kleinen Hofe am Walde her. Die fremde Frau lag im Sterben. Seit ſechs Jahren hatte die Krankheit in ihrer Bruſt raſtloſe, wenn auch laugſame Fortſchritte gemacht, und eigentlich war es ein Wunder, daß ſie noch nicht geſtorben war. Aber mit eiſerner Willensfeſtigkeit klammerte ſie ſich an das fliehende Leben; es war, als erwarte ſie etwas, als könne ſie nicht ſterben, bevor es in Erfüllung gegangen, und Tag für Tag, unausgeſetzt, von ihrem Lehnſtuhle am Fenſter, überſahen die fieberhaften Augen die Wege und Pfade, die nach dem Hauſe führten.

Allein was ſie erwartete, das zeigte ſich nicht. Leonie war in guter Aufſicht, und wenn ſie auch den kleinen Vorfall aus ihrer Kindheit keineswegs vergeſſen hatte, ſo war ſie doch biel zu ſehr auf ihr eigenes Wohl bedacht, viel zu ſehr von andern Wünſchen und Plänen erfüllt, um dem ausgeſprochenen Befehle ihres Paters, ohne beſondern Anſtoß, zu trotzen.

Auch heute ſtand der Lehnſtuhl der Kranken neben

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