26 Hermine Wild.
Und kann man Klugheit lernen? fuhr ſie mit plötzlichem Intereſſe zu fragen fort.
Zum Theil kann man ſie lernen, zum Theil muß ſie freilich eigene Begabung ſein; auch gehört ein großer Verſtand dazu, immer deutlich zu unterſcheiden, was man zu thun und zu laſſen hat. Aber anmuthige Ma⸗ nieren und ein feiner, gebildeter Geiſt erleichtern die Sache ſehr und ſichern uns überall ein Uebergewicht.
Leonie war nachdenklich geworden und blickte in Gedanken hinaus. Ihr Vater kam ſo eben in den Hof hereingeſprengt.— Da iſt mein Vater, dachte ſie; wäre ich klug, ſo thäte er Alles, was ich will. Mit Otto und den anderen Knaben iſt es leicht genug; nur mit dem Vater iſt es ſchwer.— Sie ſtützte den Kopf in die Hand und ſah träumeriſch vor ſich nieder.
Von nun an war es nicht mehr nöthig, Leonie zum Lernen anzuſpornen. Sie kam ſelbſt mit Büchern und Zeichenmappe; keine Arbeit war ihr zu ſchwer oder zu langwierig, und mit einer wunderbaren Begabung ausgeſtattet, überwand ſie leicht jede Schwierigkeit. Sie
befliß ſich eines ernſten Ganges, und die früheren Ver⸗
traulichkeiten mit der Dorfjugend ſchienen bis auf die letzte Spur aus dem Gedächtniß des kleinen Fräuleins verwiſcht. Fräulein Pertold hatte ſich nicht getäuſcht und erntete überall bei den wenigen Nachbarn, die Zeuge von der Umwandlung ihres Zöglings waren, viel Lob und Ehre ein. Nur in dem Grafen ſelbſt brachten die glänzenden Forſchritte ſeines Töchterchens keine Aenderung hervor; er blieb ſtill und kalt wie immer und verfolgte die raſtloſe Thätigkeit des Mäd⸗ chens mit demſelben räthſelhaft forſchenden Blicke, mit dem er einſt den Spielen des Kindes zugeſehen.
Von Thomas und ſeinem Hauſe, ſo wie von der fremden Frau war nicht mehr die Rede. Leonie war ſeit jenem Nachmittage nicht mehr hingekommen. Fräu⸗ lein Pertold wich nicht von ihrer Seite; aber ſeitdem blinder Gehorſam gegen ihren Vater eine Triebfeder


