Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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Eure Wege ſind nicht meine Wege. 25

wöhnliche Gouvernante, und die Perſonen, die ſie dem Grafen empfohlen, hatten Grund zu der Empfehlung gehabt. Sie verſtund ihr Fach und hatte nicht nur Gelegenheit gehabt, Charaktere zu ſtudiren, ſie hatte ſie wirklich ſtudirt, und was nicht immer damit verbunden iſt, ſie verſtand es auch, aus dieſen Studien Nutzen zu ziehen, und wenn ſie dabei im Grunde mehr an ſich, als an ihre Zöglinge dachte, wer wird es ihr ver⸗ argen? Sie wurde ja nicht für die Liebe, ſondern für den Unterricht bezahlt. Sie hatte denn ſehr bald herausgebracht, mit welcher Geiſtesrichtung ſie es hier zu thun hatte. Sie ſind ein adeliges Fräulein, ſagte ſie daher eines Tages zu Leonie, die ſich eben einer beſonderen Unliebenswürdigkeit befliß. Sie ſind ein adeliges Fräulein und gehören einer alten berühmten Familie an; auch werden Sie reich ſein, wie es ſich zu Ihrem Stande ſchickt. Was iſt aber das Alles, wenn Sie nicht auch durch Ihre Manieren ſich von dem gewöhnlichen Menſchentroß unterſcheiden? Manieren und Kenntniſſe, die den Geiſt entwickeln, und die man lernen muß, mit Klugheit zu benützen, das iſt die ein⸗ zige wahre Auszeichnung, in der unſere Macht ge⸗ ſichert iſt.

Es war das zweite Mal, daß Leonie die Klugheit rühmeu hörte, als Mittel zum Ziele Die Erklärung der Pfarrerin hatte ſie nicht vergeſſen und ſeitdem im Stillen manche Bemerkung darüber gemacht. Wenn Klugheit nichts Anderes war, als immer das Rechte zu khun, ſo haben wir geſehen, daß ihr die oft üblen Folgen nicht entgangen waren, und das ſchien ihr wenig beneidenswerth.

Was iſt Klugheit? frug ſie jetzt wiederum. lugheit, erläuterte Fräulein Pertold, iſt die Kunſt, jeden Menſchen nach der ihm eigenen Weiſe zu behan⸗ deln und ihn auf dieſe Art nach unſerem Willen zu lenken.

Dieſe von jener der Pfarrerin ſehr verſchiedene Erklärung leuchtete Leonie auch viel beſſer ein.

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