Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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24 Hermine Wilb.

durch ihre Zierlichkeit zu verſöhnen verſprachen. Auch hatte die Frau Pfarrerin Erlaubniß, Leonie einige Mal in's Theater zu führen, und ſo flogen die Paar Wochen, die der bezaubernde Aufenthalt dauerte, wie ein ſeliger Traum dahin.

Die Ueberraſchungen, die ſie bei der Rückkehr auf dem Schloſſe erwarteten, waren indeſſen weniger ange⸗ nehmer Art. Leonie erſtaunte nicht wenig, als ihr in dem Salon, zu dem ſie hinaufging, ihren Vater zu be⸗ grüßen, eine ältliche Dame entgegentrat, die ihr der Graf als ihre Gouvernante vorſteilte, und welcher er die volle Macht einer Mutter auf das erſchrockene Mädchen übertrug. Als ſie ſich nach Otto erkundigte, erfuhr ſie, er ſei fort, auf die Schule geſchickt, und erſt nach Monaten werde ſie ihn wiederſehen. Auch eine Kammerfrau war angenommen worden, deren beſondere Aufgabe es war, das Fräulein auf ihren Spazier⸗ gängen zu begleiten; wenn Fräulein Pertold einmal daran verhindert wurde und Leonie glaubte, ja einmal den günſtigen Moment zu erhaſchen, um unbemerkt aus dem Schloſſe zu entwiſchen, ſo eilte ſtracks ein baum⸗ langer Bediente nach, welcher der kleinen Dame unter⸗ thänig Schirm und Ueberwurf trug.

Und ſo ging denn Leonie in ihren koſtbaren Kleidern und eleganten Schuhen allem Zwang entgegen, der das gewöhnliche Erbtheil der Kinder der pribilegirten Kaſte iſt, und der für Leonie, nach der Freiheit, die ſie bis dahin genoſſen, nur eine erhöhte Marter war.

Sie wußte jedoch, daß ihres Vaters Wille unwider⸗ ruflich ſei; ihr Widerſtand, wenn ſie einen wagte, durfte nur ein verborgener ſein, und ſo fügte ſie ſich mit ſcheinbarer Gelaſſenheit in ihr verändertes Geſchick und rächte ſich ſo gut ſie konnte für die beſtändige unleidliche Aufſicht durch ein unruhiges, ſtill⸗trotziges Weſen, bei dem ihre Studien nur wenig Fortſchritte machten.

Fräulein Thereſe Pertold war indeſſen keine ge⸗