Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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22 Hermine Wild.

ſich von ihrem Schrecken erholt, ſtand er ſchon neben ihr. Er blickte über die Hecke, und als er das zit⸗ ternde Mädchen auf der anderen Seite ſtehen ſah, zug ſich ſeine Stirne in wunderbar krauſe Runzeln zuſam⸗ men; doch er nahm die Mütze ab, und ſeine Rede war höflich, wenn auch feſt. Gnädiges Fräulein, ſagte er, es ſchickt ſich nicht, ſo heimlich herzukommen wider den Willen Ihres Vaters und mit Leuten zu reden, die ihren Verſtand nicht bei ſich haben, und in deren Nähe man keinen Augenblick ſicher iſt.

Ich ging vorüber, da rief ſie mich an, ſagte Leonie, in deren Leben die Großmuth nur dann eine Rolle ſpielte, wenn ſie deren von Anderen bedurfte. Sie wandte ſich ab und ging. Den ganzen Tag ſtand ſie in der Erwartung eines ſtrengen Verweiſes von ihrem Vater; ſie ſtudirte ſein Geſicht; aber es war nicht anders als ſonſt. Am folgenden Morgen erhielt ſie den Befehl, mit der Pfarrerin, welche dort eine Schweſter beſuchen wollte, nach der Stadt zu fahren. Leonie's Augen öffneten ſich weit; das Vergnügen, das ihr ge⸗ boten ward, kam ihr weniger gelegen, als es ſonſt der Fall geweſen wäre. Sie dachte an die Fremde und ſaß lange ſchweigend in dem Wagen neben der eben⸗ falls ſchweigenden Pfarrerin. Plötzlich. fuhr ſie aus ihrer Träumerei auf. Was iſt Klugheit? fragte ſie die Pfarrerin.

Dieſer war die Unterbrechung nicht gerade ange⸗ nehm. Sie hatte in der Stadt ſehr viel vor, theils im Auftrage des Grafen, theils für ſich ſelbſt, und in Gedanken ging ſie eben die Mittel und Wege durch, ſich ihrer verſchiedenen Verpflichtungen zu fremder und eigener Zufriedenheit zu entledigen. Sie antwortete⸗ daher ſo kurz ſie konnte, was ſie einmal von ihrem Manne gehört: Klugheit iſt immer das Rechte zu thun zur rechten Zeit.

Leonie dachte ein wenig nach. So jung ſie war, wußte ſie doch manchen Fall, wo das Rechte thun