Eure Wege ſind nicht meine Wege. 2½
gedacht. Sie ſchlug die Augen zu Boden und blieb die Antwort ſchuldig.
Die Fremde zog ſie immer näher an ſich heran; mit ihren mageren, heißen Händen ſtreichelte ſie die glühende Wange des Mädchens und ſtrich ihr das glän⸗ zende, goldrothe Haar aus der weißen, feuchten Stirne Wie ſchön du biſt! flüſterte ſie wie in einem irren Traume, wie deine Augen glänzen! Auch ich war einſt ſchön— man ſieht jetzt nichts mehr davon.— Was iſt Schönheit ohne Klugheit? O werde klug, und dann gehört dir die Welt!
Wer ſind Sie? frug Leonie, ſie erſtaunt anblickend.
Mit einem ſchmerzlichen Stöhnen, das einem unter⸗ drückten Schrei glich, beugte die Fremde den Kopf. Frage mich nicht, rief ſie dann, ſie tödten mich, wenn ich dir es ſage, und ich will nicht ſterben, nun ich dich geſehen. O ſie haben mir das Leben furchtbar aus⸗ geſogen! Er— hüte dich vor Ihm— hörſt du?— Er kennt kein Erbarmen!— Aber du wirſt mich rächen! O ſiehſt du— die Rache bleibt noch, und wenn uns Alles genommen iſt!—
Leonie verſtand ſie nicht recht; ſie dachte, ein großes Uebel müſſe der Frau widerfahren ſein von Jemand, vielleicht von ihrem Vater— der war ja immer ſo ſtreng! Die Rührung nahm aber bei ihr ſelten über⸗ hand, und ſo erregte das wilde Klagen der Unbekannten mehr ihre Neugierde, als daß es zu ihrem Herzen ſprach. Sie blickte ihr erſtaunt und aufmerkſam in das bleiche Geſicht, ſie getraute ſich nicht, zu fragen, wen ſie durch Er bezeichnen wollte, darum nicht, weil ſie es ahnte, und ſo blieb ſie ganz ſtill.
Wirſt du wiederkommen? frug die Fremde jetzt.
Ich— ich weiß nicht, ſagte Leonie, Thomas darf nicht wiſſen, daß ich da war.
In dieſem Augenblicke wurde die Thüre des Hau⸗ ſes aufgeriſſen, und Thomas ſelbſt trat heraus. Er ſchritt raſch auf ſeine Gefangene zu, und bevor dieſe


