Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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Eure Wege ſind nicht meine Wege⸗ 19

Ich will nur den kürzeren Weg gehen, um ſchnel⸗ ler daheim zu ſein, und das iſt nichts Böſes, verſetzte ſie ſtill.

Er entfernte ſich langſam; bevor er verſchwand, drehte er ſich noch einmal um. Kommſt du? rief er ihr zu.

Sie hatte ſich niedergeſetzt. Nein, ſagte ſie, und er ging fort.

Als er zwiſchen den Bäumen verſchwunden war, ſtand ſie auf, horchte ein wenig und ſchritt dann leicht⸗ füßig und froh den Weg dahin, der zum Waldhof führte; dort angekommen, ging ſie langſamer; ſie ſah um ſich; es war um die Mittagszeit und kein Menſch war auf dem Felde zu ſehen. Sie näherte ſich der Hecke des Gartens und blickte hindurch. Auch hier war Alles verlaſſen, die Fenſter geſchloſſen, die oberen mit weißen Vorhängen umhängt. Ihr Herz klopfte ein wenig; ſie dachte, die fremde Frau könne plötzlich her⸗ vortreten und wirklich eine Wahnſinnige ſein Sie dachte an Thomas, an deſſen Mutter, die ſie ſehen konnte, an ihren eigenen Vater, an ſeinen Zorn, den ſie mehr als Alles fürchtete, und ſie war nahe daran, die Rück⸗ kehr nach Hauſe in Wahrheit anzutreten, aber die Neu⸗ gier überwand doch jede Furcht. Ich will nur ein wenig ausruhen, ſagte ſie und ſetzte ſich. Sie war er⸗ müdet, die Sonne brannte, ſie neigte den Kopf zurück, und bevor ſie ſich's verſah, war ſie eingeſchlafen. Ein leiſes Geräuſch weckte ſie. Sie ſchlug die ſchweren Augen auf; durch die mühſam zurückgebogenen Zweige der Hecke ſchimmerte ein bleiches, eingefallenes Geſicht, aus dem zwei dunkle, weitgeöffnete Augen mit einem faſt irren Blick unverwandt auf das zarte, kleine Weſen ſahen. Es war die Fremde Leonie ſprang auf. Ihre erſte Empfindung war ein überwältigendes Entſetzen, ihre erſte Bewegung war eine Bewegung zur Flucht. Aber raſch wie ein Gedanke fuhr eine weiße, durch⸗ ſichtige Hand, ſich blutig ritzend, durch die Dor⸗

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