Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Eure Wege ſind nicht meine Wege. 6

Solche Irrfahrten kannſt du ein andermal unter⸗ laſſen, ſagte er kalt und wandte ſich ab.

Wie ein Pfeil ſchoß ſie von ihm fort und athmete erſt in ihrem Zimmer wieder frei auf.

Was weiter geſchah, haben wir ſchon erzählt. Des Dorfes Neugierde wurde rege, und Otto blieb natürlich nicht frei. Als alle ſeine Fragen von Thomas nichts herausbrachten, als einige Grobheiten, die dem Grafen⸗ ſohn ſchwer zu verdauen waren, wandte er ſich endlich um Erklärung an ſeinen Vater ſelbſt.

Wer iſt die fremde Frau, die bei dem Thomas wohnt? frug er ihn eines Tages mit der ihm eigenen Offenheit, die einen der beſten Züge in ſeinem guten, liebenswürdigen Charakter bildete.

Kümmre dich nicht um fremder Leute Angelegen⸗ heiten, war des Grafen barſche Antwort.

Allein Otto war des Vaters Liebling und hatte allen Muth eines ſolchen.

Die Leute ſagen aber, daß du ſie kennſt, Papa, fuhr er unerſchrocken fort.

Diesmal erblaßte der Graf und wandte ſich ſo jählings gegen den Knaben, daß dieſer zuſammenfuhr.

Hörſt du noch nicht mit dieſer Dummheit auf? rief er zornig. Und höre, fuhr er fort, indem er ſich bezwang, der Thomas beklagt ſich, daß du ſein Haus umlagerſt wie ein Dieb und ihm beſtändig auf dem Halſe liegſt; wenn mir noch etwas dergleichen zu Ohren kommt, ſo werde ich mich erinnern, wo unſer Pertght die Ruthe hat wachſen laſſen, das merke dir!

Er verließ das Zimmer, und Otto's Stirne zog ſich trotzig zuſammen; des Thomas Angeberei lenkte indeſſen ſeine Gedanken von des Vaters unerklärlicher Heftigkeit ab.

Der Thomas iſt ein gemeiner Kerl, ſagte er ärger⸗ lich, in meinem Leben ſchaue ich ihn nicht mehr anu.

Leonie hatte ſcheinbar unbekümmert dem Anſtritt

Novellenſchatz. Bd. XXII.