Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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16 Hermine Wild.

Im Schloſſe angekommen, lief Otto allein dem zurückkehrenden Vater entgegen. Wo iſt Leonie? ſagte

dieſer, ſich nach ihr umſehend, und jetzt erſt wurde das

kleine Mädchen vermißt. Man rief und ſuchte, und die ganze Dienerſchaft gerieth in Aufregung. Der Graf runzelte die Stirne und ging mit verſchränkten Armen ungeduldig im Hofe auf und ab. Das Fräulein iſt gern im Pfarrhauſe, vielleicht behielt die Pfarrerin ſie über Nacht, ſagte der Verwalter zu ihm. Man ſoll hingehen und ſie zurückbringen, wenn ſie dort iſt, befahl der Graf. Da kam der Pfarrer ſelbſt daher, um ſeinen Gutsherrn bei der Rücktehr zu begrüßen. Das Kind ſei nicht bei ihm, verſicherte er. Alle ſahen ſich beſtürzt an.

Sie ſtreift gerne herum, meinte der Pfarrer be- ſorgt, ſie hat ſich wohl gar verirrt.

So miüſſen wir ſie ſuchen! rief der Graf und ſchritt ſelbſt nach dem Stalle, aus welchem ſchon ſein Pferd vorgeführt ward. Alles lief hin und her, Otto wollte mit, und der Pfarrer hielt ihn nur mit Mühe zurück. In dieſer Unruhe trat plötzlich Leonie, erhitzt und athemlos, unter das Thor des Hofes. Sie erblaßte, als ſie in dem Gewühle ihren Vater hoch zu Pferde ſah. Sie hatte gehofft, vor ihm nach Hauſe zu kom⸗ men, aber in der Eile und der Dunkelheit einen Pfad mit dem andern verwechſelt. Der Graf ſprang vom Pferde und trat zu ihr: Wo warſt du? ſagte er, ſeine Hand feſt auf ihre Schultern legend.

Sie ſah mit den unergründlichen Augen zu ihm auf: Ich war ſpazieren, antwortete ſie mit zitternder Stimme, die jedoch feſter wurde in dem Maße, als ſie ihre Faſſung wieder gewann; ich war ſpazieren im Felde und verlor den rechten Weg.

In des Grafen Bruſt ſtieg in dieſem Augenblicke eine Wallung gegen das Kind auf, als könne er es zerdrücken; er fühlte, daß ſeine Hand ſchwerer wurde auf ihrer Schulter, und er zog ſie unwillkürlich zurück.