Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12 Hermine Wild.

und doch wäre es gut geweſen, hätte er es geſehen; denn wenn ſie auch die Worte nicht vernahm, der Auf⸗ tritt, der drinnen vorging, war in ſeiner düſtern Färbung gewiß nicht für ein Kinderauge gemacht.

Die Fremde war in des Hauſes unterer Stube, ſichtbar erſchöpft, auf einen Seſſel geſunken. Thomas blieb an der Thüre ſtehen, der Graf maß mit lang⸗ ſamen Schritten und gebeugtem Haupte das Zimmer auf und ab. Endlich trat er mit einer raſchen Wen⸗ dung vor die Fremde hin und ſchlug mit einer ent⸗ ſchloſſenen Bewegung ihren Schleier zurück. Sie zuckte ſichtbar zuſammen, dann erhob ſie die bleiche Stirn und ſtarrte ihn aus dem abgemagerten Geſicht mit ein paar dunklen, großen, unnatürlich glänzenden Augen an, welche das einzige Lebendige zu ſein ſchienen an der ganzen Geſtalt, ſo regungslos ſaß ſie da. Des Grafen Augen hafteten feſt auf den ihrigen, aber es war kein Blick der Liebe, und die Worte, welche dieſem Blicke folgten, waren böſe Worte. Der Graf war der erſte, der das Schweigen brach.

Du weißt, weßhalb du hier biſt? ſagte er in fran⸗ zöſiſcher Sprache.

Die bleiche Frau wurde wo möglich noch bläſſer, und ihr unruhiger Blick ſuchte ſcheu im Zimmer umher; doch bald faßte ſie ſich wieder.

Ihr wollt mich tödten, antwortete ſie in derſelben Sprache; thut es! und ein leiſer Schauer durchrieſelte ihren Körper.

Immer Dieſelbe! ſagte der Graf verdroſſen; er wandte ſich ab und nahm ſeinen Gang durch das Zimmer wieder auf. Ihre Augen folgten ihm anfangs mit fieberhafter Anſpannung, dann lehnte ſie den Kopf zurück, ſenkte die Augenlieder, und es war, als ſchliefe ſie Nur wer ihr ſehr nahe war, hörte das raſche, be⸗ klommene Athemholen ihrer Bruſt. Endlich blieb der Graf wieder ſtehen, und ſie ſah von neuem auf.

Du ſollſt hier bleiben, ſagte er, für deine Bequem⸗