Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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Eure Wege ſind nicht meine Wege. 11

fie ſei, gab er ſie für eine entfernte ausländiſche Ver⸗ wandte aus, deren Verſtand zerrüttet ſei, und die er aus Erbarmen bei ſich behalte. Die Leute ſchüttelten die Köpfe dazu, die ſtolze, edle Erſcheinung war ſelbſt in ihren Bauernkleidern von Thomas und ſeiner Um⸗ gebung himmelweit verſchieden; man ſprach und ſprach, die Sache fing an Lärm zu machen, die Polizei wurde wirklich aufmerkſam, Thomas wurde nach der Stadt berufen, er kehrte zurück, und Alles blieb wie es war. Der Graf, hieß es, habe ſich ſeines langjährigen Dieners angenommen und ihn von jeder Unannehmlichkeit durch ſein Fürwort frei gemacht. Die Folge davon war, daß man aufing, den Grafen mit der Fremden in Ver⸗ bindung zu bringen. Natürlich hörten die Kinder des Dorfes Manches von dem, was die Eltern ſprachen, und legten es ſich auf ihre Weiſe zurecht; Leonie machte ein gar kluges Geſicht zu ihren Bemerkungen, aber ſie ſchwieg wie das Grab. Und doch war ſie dabei ge⸗ weſen, als die Fremde ankam, die damals keine Bauern⸗ kleider trug. Hinter einem Buſche verſteckt, furchtſam in ſich zuſammengekauert, hatte Leonie geſehen, wie Thomas ſie aus dem Wagen hob und gleich danach ihr Vater zur Erde ſprang. Leonie erſchrak heftig, ihn ſo nahe, nur ein paar Schritte entfernt, vor ſich zu ſehen. Was würde er thun, wenn er ſie hier entdeckte? Sie kauerte ſich noch mehr zuſammen und hielt den Athem an. Ahnungslos gingen die Drei an ihr vorbei, und hinter ihnen erhob ſich Leonie. Sollte ſie fliehen? Nein, das litt ihre Neugierde nicht. Geräuſchlos wie ein Schatten ſchlich ſie näher zum Hauſe hinan. Wein⸗ ranken umzogen es bis zum Dache. Wie eine Katze kletterte ſie an dieſen empor, und hätte der Graf einen Augenblick nach ſeinem Eintritt das Auge dem Fenſter zugewendet, das die Hauptſtube des Hofes erhellte, ſo hätte er ein bleiches Kindergeſicht an die kleinen, alt⸗ modiſchen Scheiben gedrückt geſehen. Aber daran dachte er nicht; ſeine Gedanken waren ganz anders beſchäftigt,