Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10 Hermine Wild.

ſehen ſollte? deſſen Daſein der Vater ſo ängſtlich zu verheimlichen befahl? Leonie's kindiſche Neugierde klammerte ſich an dem Gedanken feſt und ließ ihn nicht mehr los. Daß Thomas den Waldhof erhielt, daß er ſo viele unerklärliche Vorbereitungen traf, geſchah nicht ohne Grund, das ſah auch ſie wohl ein; Alle frugen, ſie allein war ſtill, aber ihr lärmendes Gefolge trieb ſich plötzlich öfter ohne ſie herum, und ſie hatte un⸗ gemein viel um die neue Behauſung des Thomas zu thun. Da ſaß ſie denn eines Nachmittags im Grünen, von der dichten Hecke verſteckt; im Garten arbeitete Thomas, und ſeine Mutter half ihm dabei. Und ſie kommt alſo wirklich morgen ſchon? frug plötzlich die zitternde Stimme der alten Frau. Leonie's Ohren öffneten ſich weit in horchender Erwartung. Ja, verſetzte Thomas kurz, in ſeiner Arbeit fort⸗ fahrend. Es iſt doch hart, fuhr die Mutter fort; was mag ſie nur gethan haben? Was geht's Euch an? fuhr der Thomas auf, wir werden gezahlt ſie zu bewachen, wir bewachen ſie vamit iſt's aus für uns! Aber man möchte doch wiſſen, was dahinter ſteckt. Wenn ſich die Polizei nur nicht drein miſcht! Wenn ich in meinen alten Tagen noch in eine ſolche Geſchichte käme, es wäre ſchrecklich. Der Graf wird wiſſen, was er thut, ſagte Thomas mürriſch; morgen Abend kommt ſie an, Alles iſt fertig, und das Uebrige kümmert uns nicht.

Damit war das Geſpräch zu Ende. Leonie horchte. noch immer. Nachdenkend ging ſie nach Hauſe und* war den ganzen Abend merkwürdig ſtill.

Einige Tage darauf erzählte man im Dorfe, beim Thomas wohne eine ſchöne, noch junge, fremd aus⸗. ſehende Frau; man hatte ſie in ſeinem Garten auf und 1 ab gehen ſehen, während ſeine Mutter unter der Hausthüre ſaß und ſtrickte. Als gefragt wurde, wer