Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
Einzelbild herunterladen

*

Cure Wege ſind nicht meine Wege.

ſich mit Gardinen, und man wollte von Teppichen wiſ⸗ ſen, deren Farbenpracht alles im Dorfe Geſehene bei weitem überſtieg und ſich nur mit denen des Schloſſes vergleichen ließ. Daß der Thomas dieſe Vorbereitun⸗ gen nicht für ſich allein traf, verſteht ſich von ſelbſt; man munkelte allerhand von einer reichen Braut; als aber das Haus fix und fertig war und in all ſeinem Glanze daſtand, kam eines Tages die alte Mutter des Thomas, die keine Seele kannte, ebenfalls aus der Fremde herbei und quartierte ſich ganz ſtill bei ihrem Sohne ein. Von einer Braut war keine Spur, weder aus dem Dorfe, noch aus der Fremde; Thomas und ſeine Mutter lebten faſt ganz allein und hielten keinen Dienſtboten, als einen blöden Knecht.

Der Graf ritt hinüber und nahm Alles ſelbſt in Augenſchein. Otto bat vergebens mitgehen zu dürfen, das Gerede der Leute hatte ihn neugierig gemacht, und Thomas' barſches Benehmen, als er einſt verſucht bei ihm vorzuſprechen, hatte den Grafenſohn arg verletzt und ſeine Neugierde dabei nur vermehrt. Allein ſein Vater war nicht nachgiebiger geſtimmt, als Thomas ſelbſt, und wies ihn mit ſeiner Bitte ſcharf zurück. Mißmuthig ſchlich er zu ſeiner Schweſter hinab in den Hof. Leonie ſaß auf einem Steine, ihre goldenen Haare leuchteten hell im blendenden Sonnenſchein, die zierlichen Füßchen berührten kaum die Erde; ſie ſah mit den ſchwarzen Augen grade vor ſich hinaus in die Weite und lächelte ſeltſam bei ihres Bruders Mittheilung. Du biſt ein Narr! ſagte ſie nach einer kleinen Pauſe, und weiter ſagte ſie nichts. Und doch wußte Leonie beſſer als irgend jemand, woran ſie war. Auch ſie war neugierig geweſen, lange bevor noch irgend jemand es war.Und die Hauptſache iſt, daß die Kinder ſie nicht ſehen, und niemand erfahre, wer ſie iſt, hatte ſie ihren Vater zu Thomas ſagen hören. Leonie hatte beſonders ſcharfe Sinne, und das Gehör ſtand den andern keineswegs nach. Wer war es, den ſie nicht