Eure Wege ſind nicht meine Wege. 7
keck und muthig in dem kleinen Kreiſe, in welchem ſie Königin war, wurde ſie ſcheu und ſtill, ſobald ſie vor ihrem Vater ſtund. Er war ihre einzige, aber auch ihre große Furcht. Wann dieſe Furcht angefangen, darüber hatte ſie nicht nachgedacht; es war ein Zuſtand, der für ſie in der Ordnung der Welt begriffen war. Nie hatte ſie ein freundliches Wort von ihm vernom⸗ men, nie einen Blick, eine Liebkoſung von ihm empfan⸗ gen, wie ſie Otto, trotz ſeines finſteren Weſens, doch oft von ihm empfing; ja ihre aufkeimende Lieblichkeit, die, wechſelvoll wie die Welle, in allen Schattirungen quellenden Lebens unaufhörlich ging und kam, immer dieſelbe und doch ſtets eine andere ſchien, weckte bei ihm, anſtatt Stolz und Befriedigung, offenbar nur eine größere Strenge und eine Kälte, die faſt an Abneigung ſtieß. Doch ruhten ſeine Augen oft eigenthümlich for⸗ ſchend auf ihr, als ſuche er ein Räthſel zu löſen, das . ſeinen peinlichſten Anſtrengungen ſtets von neuem zu entſchlüpfen ſchien. In dieſem Blicke vielleicht lag der erſte Grund der Scheu, die Leonie vor ihrem Vater empfand; ſie hatte ihn in ſeiner unheimlichen Tiefe ſo oft auf ſich geheftet geſehen! Als ſie noch in den Ar⸗ men ihrer Amme lag und das werdende Verſtändniß an den erſten ſchwachen Eindrücken der äußeren Welt ſich allmählich zu entfalten begann, war es dieſer Blick vielleicht geweſen, der an ihr zitterndes Leben trat und der klaren Welle der Empfindung eine dunklere Färbung verlieh. Wer forſcht dem Keime unſerer Ge⸗ . fühle nach? Genug, die Furcht vor ihrem Vater ſchien mit Leonie's Lebenswurzel verwachſen zu ſein, ein heim⸗ licher Trotz gegen einen Druck, der ihr mehr willkürlich als berechtigt erſchien, miſchte ſich nach und nach ihrer Empfindung bei; ſie war verſchloſſen und ſtill in ſeiner 3 Gegenwart und ging ihm aus dem Wege, wenn ſie ihn kommen ſah. Er bemerkte es wohl, aber er rief ſie nie zurück. Er glaubte ſie zu kennen; viel⸗ leicht kannte er ſie auch, und doch— wir möchten


