Teil eines Werkes 
1. Band (1869)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

u

21

In den langen Winterabenden laſen wir mit einander die alten Göttergeſchichten, die alten Völkerſagen, und ich lieh ihm gern, was Schönes an mir war, wenn er die herrlichen Geſtalten, die er erſonnen, auf das Papier warf. Er war dann voll flammender Begeiſterung, ganz von der hohen Aufgabe erfüllt, die ihm ſein Talent geſetzt. So war auch ſeine Erſcheinung, ſtolz, kräftig, ſchön, keiner von den Gecken, wie ſie heute durch die Malerſchulen ſchwärmen. Leonardo ſollte nicht alt werden, er fiel in einem Piſtolenduell, da er kaum das vierunddreißigſte Jahr vollendet hatte.

Kleopatra ſchwieg einen Augenblick, ſie weihte dieſe Pauſe des Schweigens dem, wie es ſchien, noch immer unvergeſſenen Todten. Dann fuhr ſie fort:

Später kam der eine von Leonardo's Freunden und quälte mich ſo lange, ihm als Modell zu ſitzen, bis ich mich herbeiließ, dann kam der andere, dann der dritte und nun, Sie wiſſen, wie das geht. Aber ſtoßen Sie an, lieber Herr Doctor! Die Kunſt ſoll leben!

Kleopatra war aufgeſprungen und hatte ein paar Gänge durch das Atelier gemacht. Jetzt blieb ſie vor dem Gelehrten ſtehen.

Es iſt keine Freude mehr, ſagte ſie lebhaft,mit den Künſtlern zu verkehren, ſie wiſſen Alles beſſer und