Teil eines Werkes 
2. Band (1845)
Entstehung
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Dieſer, an einem Fußübel leidend, war leicht an einer Art Ueberſtiefel unter ſeinen Hofleuten zu erkennen. Wie einſt zu Chinon die ächte Jungfrau, ſo prüfte er auch die Betrügerin, die aber ihre Rolle gut gelernt hatte und ihn gleich erkannte. Alle waren betroffen. Als aber König Farl ſie anredete: Jungfrau, ſeid mir willkommen im Namen Gottes, der allein das Geheimniß kennt, das zwiſchen mir und euch herrſcht! ſank ſie; wie vom Blitze getroffen zu ſeinen Füßen und geſtand den ganzen Betrug. Eine Handſchrift der großen Bibliothek zu Paris, betitelt: Exemples de hardiesse de plusieurs rois et empereurs erzählt dieſen Vorfall. Sogar noch 1473, wiewohl nur Vierzig Jahre ſeit dem Hexenprozeſſe zu Rouen verfloſſen waren, zeigte ſich in Trier eine Jungfrau von Orleans. Der Graf von Virnenburg wollte durch ſie den Pöbel für ſeinen Schützling Uldarik von Manderſcheit gewinnen, den er auf den biſchöflichen Stuhl zu erheben gedachte. Der Papſt ſetzte diesmal ein geiſtliches Ge⸗ richt zu Köln nieder, um die Sache zu unterſuchen, und da man offenbar dem Volke zu viel Dummheit und Leichtgläu⸗ bigkeit zugetraut hatte, ſo fand das Gericht den Betrug leicht aus und ſoll ſogar Miene gemacht haben, die graue Heldin noch einmal zu verbrennen. Zu rechter Zeit kam der Graf von Virnenburg zuvor; er fand Gelegenheit, die bereits Ver⸗ urtheilte entſchlüpfen zu laſſen, die nun ſich in die frühere Verborgenheit zurückzog. Die Unterſuchung, welche KarlVII. endlich, wie ſchon erzählt, anordnen ließ, begnügte ſich mit einer Reviſion des Prozeſſes zu Rouen, worauf der Kanzler der Pariſer Univerſität 1456 feierlich erklärte, Johanna ſei verbrannt worden. Richtiger wäre es freilich geweſen, zu unterſuchen, ob ſie verbrannt oder gerettet worden. Damals war dies noch möglich. Unſere Zeit kann ſich nur in unge⸗ gründeten Vermuthungen erſchöpfen. Sollte aber Johanna d'Arc auch nicht in den Flammen geſtorben, ſondern durch Prieſterhand und frommen Betrug gerettet worden ſeyn: das Wunder ihres Lebens bleibt und ihr Bild kann durch einen andern Tod nichts von ſeinem Glanze verlieren.