Teil eines Werkes 
2. Band (1845)
Entstehung
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aufſteigen zu laſſen. Gänzlich verſchieden von allen Dichtern früherer und ſpäterer Zeit faßt Hebbel in ſeinem Trauerſpiel Genoveva die alte Sage auf.

23. Die Dichtung tritt der eigentlichen Geſchichte, natür⸗ lich ohne damit ihre eigenen, ewigen Rechte aufzugeben, näher und das biographiſche Element macht ſich geltend. Du willſt nicht blos das Angeſicht im Augenblick großer That oder ungeheuerer Schmerzen ſehen: Du fragſt auch, welche Züge das Kind und die Jungfrau trug, wie ſehr das Leben darin furchte oder mit ehernem Griffel ſeine Linien zog. Von allen frühern Frauen ſchien dies der Bewahrung nicht werth, oder die Zeit nahm es weg. Natürlich wird es auch um ſo ſchwerer, dann richtig zu zeichnen, wenn bald ein Zug, des Dichters würdig, benutzt, bald entfernt werden muß, was er in anderer Abſicht erſann. Johanna d' Arc lebt unſterblich durch Schillers Lied, während ein Mann ihres eigenen Volkes ſie in den Schmutz gemeiner Wirklichkeit zu ziehen verſuchte. Schande dem Andenken Voltaire's, der in ſeiner Pücelle zeigte, wie wenig er die erhabene Poeſie des weiblichen Herzens verſtand! Wetzel's Trauerſpiel und an⸗ dere neuere, die den Vergleich mit Schiller nicht aushalten, lagen bei Seite. Raumer's Taſchenbuch bringt zu neuſt einen Beitrag zur Geſchichte Johanna's, der geleſen zu werden verdient. Die Notizen über die falſchen Jungfrauen ſtellte unter Andern ein Aufſatz im Hamb. Telegraphen zuſammen. Starb Johanna d' Arc wirklich den Flammentod? Die franzöſiſche Tagesliteratur regte dieſen Zweifel wieder an. Der Prieſter Vignier entdeckte ſchon 1645 zu Metz ein Ma⸗ nuſcript, nach welchem Johanna im Mai, 1436, mithin fünf Jahre nach dem Hexenprozeſſe zu Rouen, in Metz geweſen ſei, ja ſich ſpäter zu Arlon mit dem Ritter Hermoiſe vermählt und zu Metz gewohnt habe. Vignier fand in dem Archiv der Familie Hermoiſe den Heirathskontrakt und vermuthete, der Biſchof von Beauvais, welchem die Engländer die Ueber⸗ wachung des Prozeſſes gegen die Jungfrau anvertrauten, habe eine andere Gefangene verbrennen laſſen und ſei der