— 255—
digen Kinde zu thun machten, ward übrigens ihr Herz der Welt nicht ganz entfremdet. Der regel⸗ mäßige Wechſel von Arbeit und Gebet, von Ge⸗ nuß und Ruhe zügelte ihre Phantaſie. Einen nie geahneten Eindruck empfand ſie bei der Einklei⸗ dung einer Novize; ſie ſah ſich ſelbſt als Braut Chriſti aller weltlichen Herrlichkeit entſagen; ſie ahnte das ganze Gewicht des Augenblicks und noch ſpät tönte ihr die Melodie des Liedes in das Ohr, in welchem die Nonne ihren Entſchluß ausdrückte, fort⸗ hin der klöſterlichen Einſamkeit zu leben. Herzzer⸗ reißend war es, als das junge Mädchen mit dem Leichentuche überdeckt und ſo erinnert wurde, ſie ge⸗ höre der Welt nicht mehr an. O wenn ſie eine Mutter zurückließ! ſchluchzte Manon und zerfloß in Thränen. Ihre liebſten Freundinnen in den heiligen Mauern waren die Nonne Agatha, die mit feuriger Seele zu früh und gegen ihren Willen den Schleier nehmen mußte, und zwei junge Mädchen, Sophie und Henriette Cannez, deren Erziehung ebenfalls im Kloſter vollendet werden ſollte. Nach einem Jahre verließ Manon wegen Familienverhältniſſen das Aſyl, um jetzt bei ihrer Großmutter zu wohnen. Die Streit⸗ ſchriften Boſſuets erſchütterten damals ihre Anhäng⸗ lichkeit an den katholiſchen Glauben, ja, an das Chriſtenthum ſelbſt, während die feinen Briefe der Madame de Sevigné ſie wieder ganz in die Sphäre des leichten Weltlebens zogen. Auch im Umgange


