36
Gott haben ſollen. Hat die Todte geſündigt, ſo wird ſie unſer Herrgott richten, welcher Herz und Nieren kennt. Wer aber von uns will wiſſen, ob die Todte bei Verſtande war, als ſie in das Waſſer ſprang? Ich habe den Aus⸗ ſpruch eines großen Dichters einſt geleſen, welcher ſagt: Wer über gewiſſe Dinge nicht den Verſtand verliert, der hat keinen zu verlieren. Ich heiße den Selbſtmord der Näther⸗Chriſtel nicht gut, aber entſchuldige ihn unter den obwaltenden Umſtänden. Sie hat ſich ſelbſt nicht getödtet, ſondern der Gram und die Verzweiflung über ihren miß⸗ rathenen Sohn. Denkt Euch nur in ihre unglückliche Lage und dann werfe den erſten Stein auf ſie, der ſich ohne Sünde weiß.“
„Sparet Eure Lunge für Eure Schule auf, Schul⸗ meiſter!“ hob der grobe Holzhauer Siegel an—„Ihr be⸗ kehrt uns doch nimmer. Die Näther⸗Chriſte darf kein ehr⸗ liches Begräbniß haben und wenn Ihr Euch auf den Kopf ſtellet. So iſt's von jeher Sitte bei uns geweſen und alſo ſoll es auch bleiben.“
„Darüber hat unſere Obrigkeit zu entſcheiden, die ich in dieſer Angelegenheit anrufen werde“— erwiederte der Schulmeiſter mit Feſtigkeit.„Doch, liebe Nachbarn“— fuhr er zu der Menge bittend fort—„wenn die Liebe euch nicht bewegen kann, chriſtlich gegen die Todte zu handeln, ſo thut es vielleicht die Furcht, indem ich euch zu bedenken gebe, welcher Gefahr ihr euch ſelbſt und unſer Dörflein ausſetzt, dafern der ſchlimme Näther⸗Hans aus ſeinem Ker⸗ ker brechen und erfahren ſollte, wie ſchimpflich ihr mit ſeiner todten Mutter verfahren habt. Es können auch wohl die


