Druckschrift 
Stern, Stab und Pfeife / von Gustav Nieritz
Entstehung
Einzelbild herunterladen

33 den geiſtlichen Hirten nicht nur der Schuljugend, ſondern auch der geſammten Bewohner ſeines Orts. Indem er ſich fertig machte, der Mutter des Verbrechers einen frühen Morgenbeſuch abzuſtatten und ſie mit dem Troſt des gläu⸗ bigen Chriſten zu erquicken, ſagte er ſich im Stillen bittere Vorwürfe darüber, daß er ſich erſt durch einen böſen Traum und etliche ſchlafloſe Stunden an die Ausübung ſeiner Be⸗ rufspflicht hatte mahnen laſſen. Der alte Mann verſtand kein Lateiniſch, konnte daher auch das Sprüchwort nicht: „Bis dat, qui cito dat.“ Aber er wußte, was der Hei⸗ land zu ſeinem Verräther geſprochen und dieſer im böſen Sinne verſtanden und befolgt hatte:„Was du thun willſt, das thue bald.“

Dieſer Spruch machte, daß Beier ſeine Schritte nach der Hütte der Näther⸗Chriſtel mehr und mehr beſchleunigte, ſo daß er ganz erhitzt vor derſelben anlangte. Als auf ſein Anpochen weder geöffnet noch„herein“ gerufen wurde, klinkte Beier die nicht verriegelte Hausthüre auf. Nichts rührte ſich in der ganzen Hütte. Leer war die Stube und unberührt das ärmliche Lager ihrer Bewohnerin.

„Ich habe mir's gedacht“— ſeufzte der Schulmeiſter— „daß die ärmſte Mutter ihr Dornenlager nicht beſteigen ge⸗ konnt hat. Wo mag ſie ſein?“ Und er rief laut und wiederholt nach der Näther⸗Chriſtel in alle vier Winde aus. Endlich trat er nach fruchtloſen Bemühungen den Heim⸗ weg an.

„Was du heute thun kannſt“— ſprach er mit ſich un⸗ zufrieden—„das verſchiebe nicht auf morgen. Unſer Herr⸗ gott verhüte, daß weiteres Unheil geſchehe.“

Nieritz, Stern, Stab und Pfeife. 3