Druckschrift 
Stern, Stab und Pfeife / von Gustav Nieritz
Entstehung
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30 munteren Häufleins, ſondern Jürgele hatte mit heller Stimme das linde Lied angeſtimmt, mit deſſen erſtem Verſe der Schulmeiſter ſeinen heutigen Morgenunterricht geſchloſ⸗ ſen, und der ganze Chor war dann in die einge⸗ fallen:„Ueb' immer Treu und Redlichkeit—

Und als die friſchen Stimmen aus dem grünen Walde heraustönten und das liebe Liedlein ſeine ſchönen Stro⸗ phen über das friedlich ruhende Dörflein ausſchüttete und dazu die Glöcklein der weidenden Ziegen ſilbern erklangen: da gingen den aufhorchenden Alten und Jüngeren im Orte die Herzen weit auf, und wer von ihnen das Lied nicht laut nachſang oder brummte, ſang es wenigſtens in ſeinem Her⸗ zen mit. In der Andacht, welche ſich der jugendlichen Wald⸗ ſänger bemeiſtert hatte, überſahen dieſelben, daß ſie an der Hütte der unglücklichen Näther⸗Chriſte vorüberkamen. Eben ſangen ſie des Liedes Schlußvers:

„Dann ſegnen Enkel deine Gruft und weinen Thränen d'rauf,

und Sommerblumen, voll von Duft, blüh'n aus den Thränen auf.“

Die Kinder hatten nicht die leiſeſte Ahnung von der Wirkung, die dieſe Worte auf die Mutter des Verbrechers hervorbrachten. Jedes derſelben wurde für dieſelbe zu einem Dolchſtiche, zu einem Marterwerkzeuge der grauſam⸗ ſten Art, das ihr Inneres zerfleiſchte. Die Aermſte mußte ſich's ſelbſt geſtehen, daß nur Flüche, ſtatt Segnungen ihr in die ſtille Gruft nachfolgen würden, daß höchſtens Thrä⸗ nen des Kummers und des Haſſes, geweint von den duri ihren Sohn in Trauer und Schaden geſetzten Menſchen auf