Druckschrift 
Des Königs Kind : eine geschichtliche Erzählung für die Jugend / von Gustav Nieritz
Entstehung
Einzelbild herunterladen

21

nicht von der Stelle rühren kann, und geduldig warten muß, bis ihm der liebe Gott einmal von ſeinem Himmel zu trinken herabſchickt? Oder gar zu einem Stein, der gänzlich todt und fühllos iſt? Lieber Gott, ich will nicht wieder murren oder klagen, ſondern dir vielmehr danken, daß du mich zu einem Menſchen geſchaffen haſt, will auch kein Thier nur wegen ſeiner häßlichen Geſtalt tödten.

Nach dieſem langen Selbſtgeſpräch verloren ſich Süper⸗ be's Unwille und Traurigkeit. Sie hatte erkannt, daß ſie, trotz ihrer Mißgeſtalt, immer noch viel mehr werth war, als alle anderen Geſchöpfe umher. Auch fiel es ihr nun nicht mehr ein, die Kröte zu tödten; vielmehr ſetzte ſie ſich hin, um aufmerkſam die beiden Regenwürmer zu betrachten, welche aus der Sonne ſich fortzumachen und einen ſchattigen Ort zu erreichen trachteten. Da bemerkte Süperbe, daß die Haut der Regenwürmer über eine Reihe von Ringen ge⸗ zogen war, die, wie eine rund gewundene Stahlfeder, ſich aus einander dehnen und wieder zuſammenziehen konnten, wodurch die Würmer ihr Fortbewegen ermöglichten. Augen entdeckte Süperbe nicht, ſelbſt nicht einen Kopf, der ſich von dem Leibe nnterſchieden hätte; aber an dem Fortbewegen erſah Süperbe, daß das dickere Ende des Wurmes deſſen Kopf vorſtelle.

Armer Wurm du! ſprach Süperbe mitleidig.Wie wenig Freuden kannſt du haben! Du ſiehſt die Sonne weder auf⸗ noch untergehen, ſiehſt die Blumen nicht blühen, nicht den grünen Wald und die Pracht der reifen Frucht⸗ felder. Du hörſt die Vögel nicht fingen und den Guckuck nicht ſchreien. Du lebſt in ſteter Finſterniß und kriechſt