Druckschrift 
Der Galeerensclave : eine geschichtliche Erzählung aus dem Anfange des 19. Jahrhunderts : für die Jugend / von Gustav Nieritz
Entstehung
Einzelbild herunterladen

98

empſing ein Jeder ein neuwaſchenes Hemd, um es gegen das alte, arg beſchmuzte zu vertauſchen, eine Wohlthat, die aber nur aller vierzehn Tage ausgetheilt wurde. Die Galeeren⸗ ſelaven mußten ihre ſchmuzige Wäſche ſelbſt waſchen, ſo auch ihre zerriſſene Kleidung ausbeſſern, wozu ihnen der Sonn⸗ tag die Zeit verlieh. Außerdem lag ihnen die Reinhaltung und Reinigung ihres Saales und die Beſorgung der Küche ob, zu welcher letzteren Arbeit jedoch nur die bevorzugteren Sträflinge verwendet wurden.

Es gewährte einen eigenthümlichen Anblick, die vielen wild ausſehenden Männer zu eifrigen Wäſcherinnen und Nä⸗ herinnen umgewandelt wieder zu finden und ihre einfache Sonntagstvilette machen zu ſehen. Da Heinrich den erſten Sonntag im Bagno erlebte und ſeine Kleidung noch frei von Löchern und anderen Beſchädigungen war, ſo blieb er mit dem Waſchen und Flicken verſchont. Vielleicht wäre eine der⸗ artige Beſchäftigung gerade beſſer für ihn geweſen, weil ſie ihn aus ſeinem trübſinnigen Hinbrüten geriſſen hätte.

Es war gegen 10 Uhr Vormitags, als ſämmtliche Sträf⸗ linge auf den weit hin erſchallenden Ton einer Glocke aus ihren Wohnſälen getrieben wurden. Draußen vor dem Hauſe ſtellten ſie ſich paarweiſe hintereinander, in einer langen, faſt unabſehbaren Reihe auf, und ſchritten, ihre Aufſeher zur Seite, dem Seegeſtade zu. Hier war eine ſchmale, aber mit hohen Geländer umgebene Holzbrücke erbaut, welche nach einem alten, abgetakelten Kriegsſchiffe hinüberführte. Aehnlich mochte das Bild geweſen ſein, als die verſchiedenen Thierge⸗ ſchlechter in die Arche Noah's eingingen. Gleich einer tau⸗ ſendfach gegliederten Schlange ſchlängelte ſich die Menſchen⸗