90 vermag. Denn, mit Ausnahme Heinrich's von Wedell, hatten lediglich Leidenſchaft, Genußſucht und Sünde jene Ausge⸗ burten entarteter Menſchheit, wie ſie in den Bagno's gefun⸗ den werden, hervorgebrach Darum, o mein liebes Kind, „erzittere vor dem erſten Schritte“, denn:„mit ihm ſind ſchon die andern Tritte zu einem nahen Fall gethan“. End⸗ lich ſoll die Geſchichte Heinrich's von Wedell noch beweiſen, daß der von groben, vorſätzlichen Sünden ſich freiwiſſende Chriſt auch in der furchtbarſten Lage nicht verzweifeln, viel⸗ mehr auf die Gnade des himmliſchen Vaters hoffen und bauen darf.
Dieſer letztere Troſt lag freilich jetzt unſerm Heinrich fern. In ſeinem Gemüth ſah es vielmehr ſchwärzer denn je⸗ mals aus. Aus dem Selbſtgeſpräch ſeines Kameraden hatte er errathen, welch' ein Unterſchied zwiſchen der grünen und der rothen Mütze ſtattfinde. Die Träger der letzteren befan⸗ den ſich nur zeitweilig, die der grünen für das ganze Leben im Bagno. Und Heinrich von Wedell war erſt zweiundzwan⸗ zig Jahre alt! Konnte es einen niederſchmetternderen Ge⸗ danken geben? Als Knabe hatte Heinrich den Menſchen tief bemitleidet, welcher lange achtunddreißig Jahre hindurch trank am Teiche Bethesda gelegen hatte. Lebte er ebenſo lange als Galeerenſelave, ſo wurde er erſt ſechzig Jahre alt, und es gab im Bagno Sträflinge, welche das achtzigſte Jahr erreicht hatten!
Gleichwie einſt der reiche König Cröſus auf dem Scheiter⸗ haufen:„O Solon! Solon!“ jammernd ausrief, ſo jetzt Heinrich von Wedell:„O Bedeau! Bedeau! warum durch⸗ bohrteſt Du nicht tödtlicher mir die Bruſt? Warum ſorgteſt


